Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Donnerstag, 18.03.2010
Ökosystem in Not
Die Folgen der „Sinisierung“ auf die Umwelt

Die Neu-Ansiedlung von mehreren Tausend Chinesen in Tibet – sei es durch Regierungsprogramme oder durch ungelenkte Ströme von Wanderarbeitern – wird nicht nur soziale Probleme nach sich ziehen. Bereits jetzt warnt das Department für Umwelt und Entwicklung der tibetischen Exilregierung vor irreparablen Umweltschäden im Tibet.

Sensibles Gleichgewicht
 Moderner Nomade mit Moped und Yaks
Moderner Nomade mit Moped und Yaks
© Andreas Gruschke  Moderner Nomade mit Moped und Yaks
Das auf durchschnittlich 4.500 Metern Höhe gelegene Hochland von Tibet ist ein sensibles Ökosystem, an das sich die Tibeter Jahrhunderte lang durch ihre traditionelle nomadische Lebensweise angepasst haben. Auf dem Hochland herrscht ein alpines Wüstenklima. Der Himalaya schirmt es weitestgehend von Niederschlägen ab, zudem ist es sehr kalt. Fast 70 Prozent des Territoriums bestehen aus alpinen Steppen und sind lediglich als Weideland zu nutzen.

Deshalb leben die Tibeter ursprünglich fast ausschließlich von Viehwirtschaft. Sie halten Yaks, Ziegen und Schafe – Nutztiere, die ihrerseits sehr gut an Höhenlagen und Klima angepasst sind. Bemühungen während der Kulturrevolution, die tibetischen Nomaden sesshaft zu machen, sind, anders als in den ehemals sowjetischen zentralasiatischen Ländern, weitestgehend gescheitert. 1981 wurden die Volkskommunen im Tibet wieder aufgelöst, das Vieh wieder verteilt und die Betriebe privatisiert.

Neue Siedlungspolitik
Heute jedoch ist die chinesische Regierung erneut bestrebt, die Tibeter sesshaft zu machen. Die Begründung: Der nomadische Lebensstil ziehe ernste Umweltschäden nach sich.
Bis zum Ende des Jahres 2007 wurden rund 60.000 Tibeter gezwungen, in neu gebaute Wohnsiedlungen in zu ziehen. Im Jahr 2008 sollen nochmals 52.000 Tibeter in Städte umgesiedelt werden.

Laut der chinesischen Nachrichten-Agentur Xinhua seien die Weidegründe von Überweidung bedroht, die große Anzahl an Siedlern außerhalb der Städte ziehe die großen, im Tibet entspringenden Flüsse – den Yangtse, den Gelben Fluss oder den Mekong – in Mitleidenschaft und bedrohe so die Wasserressourcen des restlichen Chinas.

Desertifikation als Ursache oder Folge?
Das Department für Umwelt und Entwicklung der tibetischen Exilregierung kritisiert, dass das jedoch eine Folge des Jahrzehnte langen Missmanagement seitens der chinesischen Behörden sei. Eine Prognose, wie viele Menschen die Region Tibet überhaupt ernähren und tragen kann, habe es nie gegeben. Dennoch treibe China die Verstädterung der Siedlungen im Tibet voran und ließe die unkontrollierte Zuwanderung von Arbeitskräfte zu.

 Yaks – Die Lebensgrundlage vieler Nomaden im Tibet
Yaks – Die Lebensgrundlage vieler Nomaden im Tibet
© Edda Schlager  Yaks – Die Lebensgrundlage vieler Nomaden im Tibet
Ebenso habe sich die chinesische Regierung nie mit dem notwendigen Management der ausgedehnten, aber lediglich extensiv nutzbaren Weideländer auseinandergesetzt. – Neu angesiedelte Chinesen hätten angefangen, Getreide anzubauen und den Boden zu düngen. Die Nomaden seien dazu gezwungen worden, ihr Vieh einzuzäunen. Die Folge sei fortschreitende Desertifikation. Ein Großteil der Weideländer Tibets sei heute degradiert. Durch die Folgen von Ackerbau oder Überweidung sei die obere fruchtbare Bodenschicht weggeblasen worden, das Land nicht mehr nutzbar. Das Ausmaß des Schadens käme dem Verlust der Tropischen Regenwälder gleich, so die tibetischen Umwelt-Experten.

zurück   | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 |    weiter
Artikel drucken   Dossier komplett anzeigen
Suche
Erweiterte Suche
Diaschauen zum Thema
Hochgebirge
Facts
Überblick
Das Wichtigste in Kürze
Artikel zum Thema
Tibet
Unruheherd auf dem "Dach der Welt"
Autonom, unabhängig oder annektiert?
Die Frage um den Status Tibets
Die Kolonisation Tibets
Kulturelle und ökonomische Übernahme
Ökosystem in Not
Die Folgen der „Sinisierung“ auf die Umwelt
Meditation im Kernspintomographen
Vom Mitgefühl der Mönche
Vom Königreich zur Annektion
Die Geschichte Tibets
Tibet in den Grenzen von …?
Die Rolle der Exil-Tibeter
Top-Diaschauen
Hypatia von Alexandria
2012 und die Maya
Erdbeben
Schatzkammer Ozean
Verlierer Mensch?
Aktuelle Dossiers
Die Wetter-Zurücksage
Wie die Vergangenheit hilft, die zukünftige Reaktion des Klimasystems vorherzusagen
Wunderwelt Ozean
Zehn Jahre Volkszählung im Meer - „Census of Marine Life“
Strom aus der Salzkraft
Osmose-Kraftwerke: von der Vision zur Wirklichkeit
Vancouver 2010
Wie sauber sind die Winterspiele?
Honigbienen: Superhirn im Überlebenskampf
Wie Parasiten, Krankheit und Gift die Fähigkeiten der sozialen Insekten beeinträchtigen
Apophis: Asteroid auf Erdkurs
Einschlag oder knapp daneben? 2029 entscheidet
Vormenschen
Zu Besuch bei Ardi, Lucy & Co
Smarte Etiketten
Auf dem Weg zum “Internet der Dinge”
Der Kommunikations-Code
Die Vielfalt der Sprachen
Klima: Letzte Chance Kopenhagen
Der 15. Weltklimagipfel: Klimaschutz wohin?