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Mittwoch, 16.04.2014

Amerikas Geburtsurkunde

Wie gleich zwei Kontinente zu ihren Namen kamen

Martin Waldseemüller

Martin Waldseemüller

Kennen Sie Martin Waldseemüller? Oder Hylocomylus wie er sich selber nannte? Nein? Dann sind Sie sicher nicht der Einzige. Denn der um 1470 in der Nähe von Freiburg geborene katholische Priester war zwar durchaus ein bedeutender Gelehrter. Berühmt geworden ist aber nicht er, der sich vor allem mit Mathematik, Kosmologie und mit Kartografie beschäftigte, sondern sein Meisterwerk: die Weltkarte aus dem Jahr 1507. Und das eigentlich auch nur wegen eines einzigen Wortes.

Eine Karte aus zwölf Teilen


Es ist der 25. April 1507, die Frankfurter Frühjahrsmesse ist in vollem Gange. Einer der Aussteller ist Waldseemüller. In Saint Dié in Lothringen hat er zusammen mit dem Philologen und Dichter Matthias Ringmann in langer, mühsamer Detektivarbeit das in den letzten Jahren hinzu gekommene Wissen über das Aussehen der Erde zusammen getragen - und daraus eine Weltkarte mit einer erstaunlichen Gesamtgröße von 1,38 Meter mal 2,48 Meter gebastelt. Eingang gefunden in das aus zwölf Teilen bestehende Werk haben natürlich auch die von Christoph Kolumbus und anderen Seefahrern erst kürzlich entdeckten Landmassen im Westen.

Weltkarte von Martin Waldseemüller aus dem Jahr 1507

Weltkarte von Martin Waldseemüller aus dem Jahr 1507

Diesen neuen, aufregenden Gebieten jenseits des Atlantiks hat Waldseemüller gemäß seinem Wissensstand ein skurriles Aussehen verpasst, das vage an ein Seepferdchen erinnert. Zu sehen sind die bis dahin bekannten Küstenregionen einschließlich der vorgelagerten Inseln. Das Besondere an Waldseemüllers Darstellung: Es handelt sich nicht um Indien oder andere Teile Asiens, sondern um gleich zwei voneinander getrennte neue Kontinente. Östlich davon liegt laut Waldseemüller Wasser, viel Wasser – ein weiterer Ozean.

America statt Terra incognita


Oberhalb der eigentlichen Karte hat der Kartograf darüberhinaus zwei Halbkugeln platziert. Neben der „Alten Welt“ ist Claudius Ptolemäeus zu sehen, der in seinem Werk Geographia um 150 nach Christus das damals bekannte Antlitz der Erde verewigte. Neben der Hemisphäre mit der „Neuen Welt“ ist dagegen Amerigo Vespucci abgebildet.

„Amerikas Geburtsurkunde“

„Amerikas Geburtsurkunde“

Seine Reiseberichte haben Waldseemüller und vor allem Ringmann eifrig studiert und sind begeistert. Sie halten Vespucci und nicht Kolumbus für den wahren Entdecker der „Neuen Welt“ und würdigen dies in dem sie in der Karte erstmals „America“ statt „Terra incognita“ (Unbekanntes Land) als Namen eintragen. Zwar nur im südlichen Teil der Landmassen etwa in Höhe des heutigen Brasiliens, aber immerhin.

Wie bedeutend Waldseemüller und Ringmann die Leistungen Vespuccis einschätzen wird auch am vollständigen Namen der Karte deutlich: „Universalis cosmographia secundum Ptholomaei traditionem et Americi Vespucii aliorumque lustrationes“ (Vollständige Kosmografie nach der Überlieferung des Ptolemäus und nach Amerigo Vespucci sowie nach anderen Abbildungen).

Das Land des Americus


Das neue üppige kartographische Gesamtpaket ergänzen ein Erdglobus und ein beigefügter gedruckter Text, der wohl vor allem von Ringmann stammt. In der sogenannten „Cosmographiae Introductio“ heißt es: „[I]ch sehe nicht ein, warum nicht (dieser Erdteil) nach dem Entdecker Amerigo, einem Mann von klugem Geist, ‚Amerige‘, also das Land des Americus oder ‚America‘ genannt werden soll: denn sowohl Europa, als auch Asia sind Namen, die sich von Frauen ableiten.“ Neben einigen weiteren Erläuterungen etwa zur Namenswahl sind darin auch Vespuccis Reiseberichte enthalten.