Erleben wir heute das sechste große Massenaussterben der Erdgeschichte? Diese Frage haben jetzt Forscher in „Nature“ mit einem klaren „Jein“ beantwortet. Ihre Auswertung für am besten untersuchte Tiergruppe, die Säugetiere, ergab, dass die heutigen Aussterberaten zwar ganz deutlich über dem Durchschnitt und im Bereich der Massenaussterben liegen. Ein Artenschwund der Größenordnung der „Großen Fünf“ könne aber noch verhindert werden.
Das Leben auf der Erde hat bereits einige Massenaussterben erlebt. Fünf davon jedoch gelten als die „Großen Fünf“. In ihnen starben jeweils drei Viertel oder mehr aller Tier- und Pflanzenarten. Das früheste von ihnen ist das Massenaussterben am Ende des Kambriums vor rund 520 Millionen Jahren, als das bisher letzte gilt der Niedergang der Dinosaurier und mit ihnen das Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren. Seit einigen Jahren jedoch wird diskutiert, ob der rapide Artenverlust, den wir heute erleben, möglicherweise das sechste große Massenaussterben der Erdgeschichte werden könnte.
Die große Schwierigkeit bei der Beantwortung dieser Frage: Die durch die Fossilien ermittelten Aussterberaten lange vergangener Ereignisse lassen sich nur schwer mit den eher spärlichen Werten des heutigen Artenschwunds vergleichen. Beide weisen jeweils unterschiedliche Lücken auf. Die historischen Aufzeichnungen, die eine Abschätzung der heute verschwindenden Artenzahl erlauben, reichen nur wenige hundert Jahre zurück. Hinzu kommt, dass nach Schätzungen von Biologen noch ein Großteil der Arten gänzlich unbekannt und unbestimmt sind. Ihr Verschwinden würde daher nirgendswo erfasst.
Ein bis zwei Arten pro Million Jahren ist normal
Ein Forscherteam der Universität von Kalifornien in Berkeley hat für diese Probleme nun einen neuen Lösungsansatz gefunden. „Anstatt eine einzige Aussterbensrate zu kalkulieren, haben wir die Spannbreite der Todesraten für die Massenaussterben der Fossilgeschichte ermittelt“, erklärt Charles Marshall, Professor für integrative Biologie an der Universität von Kalifornien in Berkeley und Direktor des dortigen Museums für Paläontologie. „Diese vergleichen wir dann mit den heutigen Raten.“