Scinexx-Logo
Logo Themnetzwerk fachmedien und mittelstand digital
Freitag, 18.04.2014

Fukushima: Versagen von Politik und Industrie schuld an Atomunfall

Greenpeace stellt Bericht „Die Lehren aus Fukushima“ vor

Systematisches Versagen von Politik und Industrie in Japan waren verantwortlich für die Reaktorkatastrophe in der Atomanlage Fukushima Daiichi im März 2011. Dies belegt eine aktuelle Studie, die Greenpeace gestern in Tokio vorgestellt hat.
Sendai

Sendai

Auch ein Jahr nach dem vom Menschen verursachten Atomunfall hat sich nach Angaben der Umweltschützer an den grundsätzlich fehlerhaften Gesetzen und Vorgaben für die Industrie wenig geändert. Noch immer gefährdet die systematische Unterschätzung der Risiken durch Atomenergie weltweit viele Millionen Menschen.

„Die Tsunami-Gefahr war lange bekannt. Behörden und Institutionen haben es jedoch verpasst, die Gefährdung durch Atomkraftwerke zu erkennen und entsprechende Sicherheitsstandards festzulegen“, sagt Heinz Smital, Atomexperte bei Greenpeace. „Mit selbstgefälliger Haltung wurden Risiken einfach beiseite geschoben.“

Sichere Atomkraft ein Mythos?


Viele Entscheidungsträger und Aufsichtsbehörden in Japan stellen sich laut Greenpeace nun hauptsächlich die Frage, wie das öffentliche Vertrauen in die Atomkraft wieder hergestellt werden kann, anstatt die gefährlichsten Reaktoren stillzulegen.

Die neue Studie belegt zudem, dass das Versagen der Institutionen nicht auf Japan beschränkt ist. Die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) rühmte bei einer Überprüfung in den Jahren 2007 und 2008 die vorbildliche Organisation der japanischen Atomaufsicht. Bevor diese 2011 das Gegenteil bewies.

„Sichere Atomkraft ist ein Mythos. In jedem Atomkraftwerk kann es zu einem Super-Gau kommen“, sagt Smital. „Die Menschen dürfen nicht länger der unterschätzten Gefahr durch Atomkraft ausgesetzt werden.“

Staatliche Notfallstrukturen unzureichend


Auch die Notfallplanung und die fehlende Haftung der Kraftwerkbetreiber kritisiert der Bericht der unabhängigen Umweltschutzorganisation. Japan ist das vielleicht am besten für Katastrophen gerüstete Land. Dennoch sind die Hilfskräfte dem Report zufolge auf solche Ereignisse nicht eingestellt. Die kreisförmig angelegten Sperrzonen würden den tatsächlichen Erfordernissen nicht gerecht.

Nach der Katastrophe wurden Menschen laut Greenpeace aus gering kontaminierten Gebieten in die Zugbahn einer radioaktiven Wolke umgesiedelt. Alte Menschen mussten ohne Versorgung zurückbleiben und starben. Lange unter Verschluss gehaltene Regierungsunterlagen zeigen nach Angaben der Umweltschützer zudem ein realistisches Worst-Case-Szenario auf, das sogar die Evakuierung der Region Tokio erfordert hätte.

Weltweiter Atomausstieg bis 2035 möglich


Insgesamt mussten auch so mehr als 150.000 Menschen in den Wochen nach dem Unglück ihre Häuser verlassen. Sie erhalten laut Greenpeace nach wie vor keine ausreichende Unterstützung und Entschädigung. Es fehlen konkrete Regelungen und Verfahren, wie und wann Entschädigungen gezahlt werden. Der verantwortliche Atomkonzern TEPCO versuchte den Umweltschützern zufolge sogar, sich von seiner Reinigungspflicht des verstrahlten Bodens zu befreien. Er behauptete, die Radioaktivität sei in den Besitz der Grundeigentümer übergegangen.

„Japan sollte keinen der abgeschalteten Reaktoren wieder hochfahren. Weltweit ist ein Atomausstieg bis 2035 möglich. Das sind die Lehren aus Fukushima“, so Smital.

Weitere News zum Thema

Fukushima: Kontamination erreicht Kanada (26.02.2014)
Forscher messen erhöhte Werte von radioaktivem Cäsium vor Vancouver

Fukushima: Algen könnten Kühlwasser dekontaminieren (10.01.2014)
Mikroalgen und Wasserlinsen entfernen bis zu 90 Prozent der radioaktiven Elemente

Zwei Jahre nach Fukushima (11.03.2013)
Bis heute sind die Folgen für die Gesundheit der japanischen Bevölkerung schwer abzuschätzen

Radioaktive Hot Spots in Fukushima identifiziert (12.03.2012)
Greenpeace: Japanische Regierung lässt Menschen mit Folgen der Reaktorkatastrophe allein

Fukushima-Bericht enthüllt Chaos nach der Katastrophe (02.03.2012)
Betreiber und Behörden erstaunlich unvorbereitet auf allen Ebenen