Die zweite Hypothese: Wenn die Weibchen einer Art nicht in Gruppen zusammenleben, sondern eigene Territorien besitzen, wird es für die Männchen schwieriger, mehrere Weibchen gegen Konkurrenten zu verteidigen. Es ist für sie daher lohnender, wenn sie sich nur auf eine Partnerin konzentrieren. Und die dritte Möglichkeit: Bei vielen Säugetieren wird das Weibchen erst dann wieder empfängnisbereit, wenn es aufgehört hat, ihr Junges zu stillen. „Für ein Männchen kann es sich daher auszahlen, die noch säugenden Jungen eines Konkurrenten zu töten, damit sie sich mit deren Mutter paaren können“, sagen die Forscher. Bei Löwen und Gorillas kommt ein solcher Kindermord häufig vor, wenn Männchen den Harem eines Rivalen übernehmen.
Spurensuche im Primaten-Stammbaum
Um herauszufinden, welche dieser drei Hypothesen zutreffen könnte, führten die Forscher eine umfangreiche Stammbaum-Analyse bei 230 Primatenarten durch. Dabei verglichen sie, bei welchen Arten Monogamie, Kindstötung, eigene Reviere der Weibchen oder die gemeinsame Aufzucht der Jungen vorkam und wann sich die jeweiligen Verhaltensweisen zuerst entwickelt haben. Eine spezielle Software analysierte dabei, ob sich diese Verhaltensweisen zusammen oder nacheinander ausbildeten und vor allem, welche von ihnen zeitgleich oder kurz vor der Monogamie auftauchte.
Das Ergebnis: Für alle drei Kandidaten – Aufzucht, Territorien und Kindstötungen – zeigte sich ein enger Zusammenhang zur Monogamie. „Aber die gemeinsame Fürsorge für den Nachwuchs entwickelte sich immer erst, nachdem diese Art bereits zur Monogamie übergegangen war“, berichten die Forscher. Ähnliches gelte für das Bewachen territorialer Weibchen durch die Männchen. Beide Faktoren seien daher eher die Folge, nicht aber die Ursache für die Monogamie.
Monogamie als Schutz für den Nachwuchs
Der einzige Faktor, der dagegen konsistent vor dem Beginn einer monogamen Lebensweise auftrat, war eine hohe Rate an Kindstötungen durch rivalisierende Männchen. Wechselten diese Primatenarten dann ihr Beziehungsmuster zugunsten der Treue, wurden auch die Kindstötungen seltener.
Nach Ansicht der Wissenschaftler deutet dies darauf hin, dass die Männchen einiger Primatenarten ihr Paarungsverhalten damals genau deshalb veränderten – um den Tod ihres Nachwuchses zu verhindern. „Dies ist das erste Mal, dass eindeutig nachgewiesen wurde, dass die Vermeidung der Kindstötung der Antrieb für die Monogamie war“, sagt Opie. Diese Erkenntnis beende die lange Debatte über den Ursprung der Monogamie bei den Primaten.
Ausnahmefall Gorillas
Warum allerdings bei allen Vorteilen dieser Lebensweise nicht alle Primaten monogam wurden, sei noch ungeklärt. Immerhin bevorzugen gerade unsere engen Verwandten, die Gorillas, trotz einer enorm hohen Rate von Kindstötungen noch immer den unverbindlichen Partnerwechsel. Möglicherweise, so spekulieren die Forscher, sei der Wechsel zur Monogamie nur dort vorteilhaft und möglich, wo es auch die Umweltbedingungen erlauben.
Denn gerade Gorillas sind in ihrem Lebensraum stark durch Raubtiere bedroht. Ihre Überlebenschance steigt daher, wenn sie sich zu wehrhaften Gruppen zusammenschließen – Gruppen, die unter anderem durch wechselnde Paarungen gefestigt werden. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2013; doi: 10.1073/pnas.1307903110)
(PNAS, 30.07.2013 – NPO)
30. Juli 2013