Eine Infusion im Monat
Für diese Studie bekamen 165 Patienten mit milder Alzheimer-Demenz und deutlichen Ansammlungen der Amyloid-Plaques im Gehirn monatlich eine Infusion mit dem Antikörper oder aber eine Placebolösung. Die Dosierungen des Antikörpers variierten dabei zwischen einem, drei, sechs oder zehn Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Abbau der Gehirnsubstanz bei mittlerem und schwerem Alzheimer © NIA
Im Verlauf der Studie überprüften die Forscher die Menge des Beta-Amyloids im Gehirn der Patienten mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET). Nach sechs Monaten und einem Jahr unterzogen sie alle Patienten erneut Tests ihrer geistigen Leistungen.
Amyloid-Plaques stark verringert
Das Ergebnis: Nach 54 Wochen der Behandlung hatte die Antikörper-Therapie überraschen gut angeschlagen, wie die Forscher berichten. Die Menge des Beta-Amyloids im Gehirn der Patienten hatte signifikant abgenommen. Der Effekt war umso größer, je höher das Antikörper-Präparat dosiert worden war. In der Placebogruppe war dagegen keine Veränderung zu erkennen.
„In der höchsten Dosisgruppe mit zehn Milligramm pro Kilogramm Aducanumab lagen die Amyloid-Werte nach einem Jahr wieder nahe dem Grenzwert, der als normal gilt“, berichten Sevigny und seine Kollegen. Offenbar gelingt es dem Antikörper, aus dem Blut ins Gehirn vorzudringen, dort gezielt an das Amyloid-Beta zu binden und sowohl die lösliche als auch die unlösliche Form zu beseitigen.
Geistiger Abbau verlangsamt
Noch wichtiger aber: Die Abnahme der Amyloid-Plaques führte auch zu einer Besserung der Demenz-Symptome bei den Patienten. Wie die Tests nach einem Jahr ergaben, hatte sich der geistige Abbau durch die Antikörper-Gabe verlangsamt. Auch sei ein dosisabhängiger Effekt zu erkennen, berichten die Forscher.
„Diese kognitiven Ergebnisse stützen die Hypothese, dass eine Verringerung des Beta-Amyloids im Gehirn einen klinischen Vorteil bringt“, erklären Sevigny und seine Kollegen. Schafft man es, die Plaques und die lösliche Form dieses Proteins zu beseitigen, dann scheint sich auch der geistige Abbau zu verringern. Der genaue Mechanismus dieses Effekts muss aber noch geklärt werden.
Folgestudie hat schon begonnen
Noch ist dies erst ein Anfang – aber ein vielversprechender. „Die Ergebnisse dieser klinischen Studie stimmen uns sehr zuversichtlich, bei der Behandlung von Alzheimer einen wesentlichen Schritt vorwärts zu kommen“, betont Koautor Roger Nitsch von der Universität Zürich. „Die Wirkung des Antikörpers ist beeindruckend.“
Wie gut das Mittel jedoch langfristig gegen die Demenz wirkt und ob es Alzheimer vielleicht sogar aufhalten oder gar stoppen kann, sollen nun weitere Studien zeigen. „Diese Ergebnisse rechtfertigen die Weiterentwicklung von Aducanumab als Mittel gegen Alzheimer“, konstatieren die Forscher. Wie sie berichten, hat eine Phase-3 Studie mit diesem Antikörper-Präparat und mehr als 2.700 Teilnehmern in 20 Ländern bereits begonnen und soll bis 2020 Ergebnisse liefern.
„Verhalten optimistisch“
Vorsichtigen Grund zur Hoffnung sehen auch andere Alzheimer-Forscher in diesen Ergebnissen: „Ich bin verhalten optimistisch über diese Behandlung“, kommentiert Tara Spires-Jones von der University of Edinburgh. „Allerdings haben es schon einige Wirkstoffe in diese frühe Phase der klinischen Tests geschafft, nur um dann in den größeren Folgestudien zu versagen.“
Ähnlich sieht es auch Robert Howard vom University College London: „Das ist zwar potenziell eine aufregende Geschichte, aber es ist jetzt wichtig, das Ganze mit Vorsicht zu betrachten“, kommentiert er. „Es wäre voreilig zu schließen, dass dies ein effektives Heilmittel für Alzheimer ist – so sehr wir uns das wünschen würden.“ (Nature, 2016; doi: 10.1038/nature19323)
(Nature, 01.09.2016 – NPO)
1. September 2016