Immer mehr Hundertjährige
Bei ihrer Auswertung der Daten stellten die Forscher fest, dass die Menschen seit 1900 immer älter werden. Der Anteil der Bevölkerung, die ein Alter von 70 Jahren oder mehr erreicht, steigt dabei mit dem Kalenderjahr der Geburt. Demnach scheint sich die durchschnittliche Lebenserwartung in den betrachteten Ländern kontinuierlich zu erhöhen.
Doch ein Blick auf die Gruppe der über Hundertjährigen zeigte: Diese Kurve wird wahrscheinlich nicht ins Unendliche weiterlaufen. So werden zwar immer mehr Menschen 100 Jahre alt. Danach fällt die Überlebensrate jedoch rapide ab – und zwar unabhängig davon, in welchem Jahr die Menschen geboren wurden. Kurzum: Viel älter zu werden als 100, ist auch in unserem modernen Zeitalter unwahrscheinlich.

Schon viel gelebt: Ein hohes Alter zu erreichen, ist heute keine Ausnahme mehr. Viel älter als 100 werden jedoch die wenigsten. © Zoran Zeremski/ iStock.com
Grenze schon erreicht?
Auf der Suche nach weiteren Hinweisen betrachteten die Wissenschaftler Daten aus der International Database on Longevity. Sie registriert die „Methusalems“ unter den Menschen und zeigt, wer wann und wo einen Altersrekord gebrochen hat. Das Team konzentrierte sich dabei auf diejenigen, die zwischen 1968 und 2006 in den vier Ländern mit der größten Zahl besonders Langlebiger (USA, Frankreich, Japan, Großbritannien) über 110 Jahre alt geworden waren.
Dabei zeigte sich: Zwischen den 1970er und den 1990er Jahren steigt das Todesalter dieser über Hundertjährigen drastisch an, erreicht aber um 1995 ein Plateau, das bis heute anhält. Für Xiao Ding und seine Kollegen ist das ein deutliches Indiz dafür, dass die maximal mögliche Lebensdauer des Menschen eine Grenze hat.
„Und unsere Daten legen nahe, dass diese Grenze schon erreicht worden ist – nämlich in den 1990er Jahren“, sagt Mitautor Jan Vijg. Interessant: Tatsächlich fällt der Beginn des Plateaus in der Alterskurve mit dem Tod der Französin Jeanne Calment im Jahr 1997 zusammen. Sie starb im Alter von 122 Jahren und ist damit die älteste bekannte Person der Welt.
125 Jahre sind das Maximum
Auf Grundlage ihrer Analysen schätzen die Wissenschaftler die durchschnittliche maximale Lebensdauer auf 115 Jahre. Die höchstmögliche Abweichung von diesem Durchschnittswert liegt ihrem Modell zufolge bei 125 Jahren. Dieses Alter ist demnach die absolute Grenze einer individuell möglichen Lebensdauer. In Wahrscheinlichkeiten ausgedrückt: Den Berechnungen zufolge liegt die Chance, dass eine Person in irgendeinem Jahr älter wird als 125, bei weniger als eins zu 10.000.
Wie die Forscher betonen, heißt das nicht, dass das maximale Lebensalter von einem isolierten genetischen „Todesprogramm“ gesteuert wird, dass zu Alterungsprozessen und schließlich zum Lebensende führt. Vielmehr lässt eine Vielzahl anderer genetisch fixierter Lebensereignisse wie die Entwicklung von Krankheiten unsere Lebensuhr zwangsläufig ablaufen.
Lieber immer gesünder als immer älter
„Neue Fortschritte im Kampf gegen Infektionen und chronische Erkrankungen können zwar auch in Zukunft die durchschnittliche Lebenserwartung weiter in die Höhe treiben – aber wahrscheinlich nicht die maximal mögliche Lebensdauer“, sagt Vijg. „Um das zu erreichen, müssten medizinische Durchbrüche die zahlreichen genetischen Varianten überwinden, die die menschliche Lebensspanne gemeinsam zu bestimmen scheinen.“
Stattdessen, so das Credo der Wissenschaftler, sollte die Forschung sich darauf konzentrieren, wie man die Gesundheit im hohen Alter erhalten kann. Erst im vergangenen Jahr hatte eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gezeigt: Länger leben bedeutet oft auch länger leiden. Demnach geht ein langes Leben häufig mit Beeinträchtigungen durch nicht heilbare Erkrankungen einher. In Deutschland leiden laut diesem WHO-Bericht nahezu ein Viertel aller 70- bis 85-Jährigen an fünf oder mehr Krankheiten gleichzeitig. (Nature, 2016; doi: 10.1038/nature19793)
(Albert Einstein College of Medicine, 06.10.2016 – DAL)
6. Oktober 2016