Für ihre Untersuchung werteten die Wissenschaftler zunächst 30 Studien aus, die die Abgasemissionen von Fahrzeugen unter realen Fahrbedingungen ermittelt hatten. Insgesamt standen ihnen damit Daten aus elf wichtigen Märkten zur Verfügung – darunter die USA, Australien, Brasilien, China, Russland und die Europäische Union. Zusammen sind die betrachteten Regionen für 80 Prozent aller Neuzulassungen von Dieselfahrzeugen im Jahr 2015 verantwortlich.
4,6 Millionen Tonnen Stickoxide zusätzlich
Die Auswertung ergab: Allein im Jahr 2015 setzten mit Diesel betriebene Fahrzeuge in diesen elf Gebieten rund 13 Millionen Tonnen Stickoxide frei und trugen damit erheblich zur Feinstaub- und Ozonbelastung bei. Ein Vergleich mit den dort geltenden Abgasbestimmungen zeigte zudem: Hätten die Autos tatsächlich nur so viele Emissionen produziert wie erlaubt ist, wären circa 4,6 Millionen Tonnen weniger gesundheitsschädliche Gase in die Luft gepufft.
Wer den Löwenanteil dieser unerlaubten Abgase verursacht, überrascht wenig. Für 76 Prozent der zusätzlichen Stickoxidemissionen sind den Forschern zufolge schwere Nutzfahrzeuge wie Lkws und Busse verantwortlich. Und: 90 Prozent dieser Abgase gehen auf lediglich fünf Märkte zurück – Brasilien, China, die Europäische Union, Indien und die USA.
Bei den leichteren Fahrzeugen wie Pkws und Transportern ist die Europäische Union an der unrühmlichen Spitze: „70 Prozent der überschüssigen Stickoxidemissionen aus dieser Kategorie wurden in der EU produziert“, sagt Miller. Im Schnitt überschritten die bei uns so verbreiteten Diesel-Pkws die zulässigen Werte auf der Straße um das 2,3-Fache – obwohl ihnen in Zertifizierungstests ein regelkonformer Abgasausstoß bescheinigt worden war.
Dicke Luft, schlechte Gesundheit
Was aber bedeuten diese Belastungen für die öffentliche Gesundheit? Das berechneten Miller und seine Kollegen mithilfe von Computermodellen. Das Ergebnis: Am schlimmsten von den Dieselabgasen betroffen sind die Menschen in China. 31.400 Personen sterben dort jedes Jahr vorzeitig an den Auswirkungen der Stickoxidbelastung. 10.700 dieser Tode gehen nach den Analysen des Teams auf überschüssige Emissionen jenseits der festgelegten Standards zurück.
Ähnlich sieht die Situation in Europa aus: Bei uns verursachen Dieselfahrzeuge 28.500 vorzeitige Todesfälle jährlich – für 11.500 davon machen die Forscher erhöhte Abgaswerte verantwortlich. Insgesamt, so das düstere Fazit, starben im Jahr 2015 weltweit 107.600 Menschen an durch Dieselabgase verursachten Krankheiten. Im Jahr 2040 könnten es laut den Modellberechnungen bereits rund 180.000 sein.
„Weitere Todesfälle verhindern“
Angesichts dieser Aussichten schlagen die Wissenschaftler nun Alarm: „Schummelsoftware und Abschalteinrichtungen ist in der Vergangenheit große Aufmerksamkeit zuteil geworden. Unsere Arbeit zeigt jedoch, dass das Problem weit darüber hinaus geht“, sagt Mitautor David Henze von der University of Colorado in Boulder.
Selbst ohne Mogeleien entsprächen die in Tests ermittelten Werte oftmals nicht der Realität. Nur wenn in solchen Prüfungen unterschiedliche Geschwindigkeiten, Fahrstile und äußere Bedingungen wie Temperaturen getestet würden, könnten die Ergebnisse künftig akkurater werden, betont das Team. Für die Forscher ist dies eines der dringlichsten Anliegen für die nahe Zukunft – neben der weiteren Drosselung der international erlaubten Grenzwerte. „Beide Maßnahmen könnten zusammen jedes Jahr hunderttausende, durch Luftverschmutzung verursachte Todesfälle verhindern“, schließt Mitautorin Susan Anenberg von Environmental Health Analytics in Washington DC. (Nature, 2017; doi: 10.1038/nature22086)
(University of Colorado at Boulder/ The International Council on Clean Transportation/ Nature, 16.05.2017 – DAL)
16. Mai 2017