Verborgenes Doppelleben: Physiker haben entdeckt, dass flüssiges Wasser in zwei unterschiedlichen Varianten existiert. Die vermeintliche einheitliche Flüssigkeit besteht in Wirklichkeit aus zwei verschiedenen, miteinander interagierenden Flüssigkeiten. Bisher wurden diese beiden Wasservarianten zwar nur bei sehr tiefen Minustemperaturen nachgewiesen, die Forscher halten es aber für wahrscheinlich, dass sie auch bei Raumtemperatur existieren.
Wasser ist nicht nur eine Voraussetzung für das Leben, es ist auch ein extrem exotischer Stoff: Es weicht in mindestens 70 Eigenschaften von den meisten anderen Flüssigkeiten ab. Die vielleicht bekanntesten sind die Wärmekapazität und die Dichteanomalie – die Tatsache, dass Wasser sich beim Gefrieren ausdehnt. Im flüssigen Zustand bildet Wasser zudem ein hochkomplexes Gemenge von „Molekülklumpen„, die blitzschnell ihre Struktur und Anordnung ändern.
Dichteunterschiede in amorphem Eis
Doch es wird noch seltsamer: Bereits vor einiger Zeit haben Forscher entdeckt, dass das sogenannte amorphe Wassereis in zwei Varianten vorkommt. Dieses nichtkristalline, glasähnliche Eis ist auf der Erde selten, kommt aber im Sonnensystem häufig vor. Es entsteht unter anderem, wenn flüssiges Wasser so schnell abgekühlt wird, dass die Moleküle keine Zeit haben, eine geordnete Kristallstruktur auszubilden. Analysen enthüllen, dass dieses Wassereis in einer dichteren und einer 25 Prozent weniger dichten Form existiert.
„Schon länger fragen sich Wissenschaftler, ob diese beiden Eis-Sorten nicht entsprechende Varianten in flüssigem Wasser haben“, erklärt Koautor Felix Lehmkühler vom Deutschen Elektronensynchrotron (DESY) in Hamburg. „Das ist jedoch sehr schwer zu messen. Selbst wenn es in flüssigem Wasser beide Varianten geben sollte, durchmischen sie sich ständig, wandeln sich ineinander um, und es existiert keine Möglichkeit, die beiden zu trennen.“