
Diese Kalkkruste ist über einem Felsbild gewachsen - das ermöglicht die Bestimmung von dessen Mindestalter. © J. Zilhao
Doch dank neuer Technologien lässt sich das Alter solcher Malereien nun indirekt ermitteln – über die auf ihnen gewachsenen Kalkkrusten. Das Verhältnis der radioaktiven Elemente in ihnen verrät, wie alt diese Kalkkrusten sind und liefert damit ein Mindestalter für die Felskunstwerke. Für ihre Studie entnahmen die Forscher 53 Proben von Kalkkrusten über Handabdrücken, roten Punkten und geometrischen Zeichen in den Höhlen La Pasiega, Maltravieso und Ardales.
Älteste Höhlenbilder der Welt
Das überraschende Ergebnis: In allen drei Höhen ist die Felskunst deutlich älter als bisher angenommen. Die Datierungen ergaben ein Mindestalter von 64.000 Jahren. „Das ist eine unglaublich spannende Entdeckung“, sagt Koautor Christ Standish von der University of Southampton. „Die Felsbilder, die wir datiert haben, sind damit mit Abstand die ältesten bekannten Höhlenmalereien der Welt.“
Noch wichtiger aber: Diese Höhlenmalereien entstanden mindestens 20.000 Jahre bevor der Homo sapiens nach Europa kam. „Zu dieser Zeit war die Iberische Halbinsel ausschließlich von Neandertalern besiedelt, wie archäologische Funde belegen“, so die Forscher. „Die Schöpfer dieser Felskunst müssen daher Neandertaler gewesen sein.“
Beleg für symbolisches Denken und Handeln
Nach Ansicht der Wissenschaftler belegt dies, dass auch die Neandertaler schon symbolisches Handeln und abstraktes Denken beherrschten. „Die Entstehung der symbolisch-materiellen Kultur ist eine fundamentale Schwelle im Laufe der menschlichen Evolution. Sie ist eine der tragenden Säulen dessen, was uns zum Menschen macht“, sagt Hoffmann. Doch wie sich nun zeigt, besaß auch unser eiszeitlicher Vetter schon diese zutiefst menschliche Fähigkeit.

Mit roter Farbe ausgeführtes Felsbild in der La Pasiega-Höhle. Rechts eine zeichnerische Übertragung des Motivs. © C. Standish, A. Pike und D. Hoffmann
Auf Basis der neuen Erkenntnisse vermuten die Wissenschaftler, dass auch andere Felsbilder in europäischen Höhlen von den Neandertalern stammen könnten. Denn Höhlenmalereien in ähnlichem Stil wie die jetzt datierten finden sich auch in Frankreich und anderswo in Spanien. „Dies ist sicher nur der Anfang eines neuen Kapitels in der Erforschung der eiszeitlichen Wandkunst“, betont Koautor Gerd-Christian Weniger von der Stiftung Neanderthal Museum Mettmann.
Ursprung beim gemeinsamen Vorfahren?
Bestätigt wird dies von weiteren Funden der Forscher, die sie in einer zweiten Studie vorstellen. Dabei handelt es sich um durchbohrte Muscheln, rote und gelbe Farbpigmente sowie Behälter mit komplexen Pigmentmischungen, die in einer Küstenhöhle im Südosten Spaniens entdeckt wurden. Die Uran-Thorium-Datierung ergab für diese Fundstücke ein Alter von mindestens 115.000 Jahren. Demnach müssen auch sie von Neandertalern stammen.
Die Wurzeln der symbolisch-materiellen Kultur des Menschen könnten damit sehr viel weiter zurückreichen als bisher angenommen. Denn wenn sowohl Neandertaler als auch Homo sapiens diese Fähigkeiten besaßen, könnte der Ursprung dieser kognitiven Errungenschaft bereits bei ihrem gemeinsamen Vorfahren liegen. „Auf der Suche nach den Ursprüngen von Sprache und entwickeltem menschlichen Wahrnehmungs- und Denkvermögen müssen wir deshalb viel weiter in unsere Vergangenheit zurückblicken: mehr als eine halbe Million Jahre“, sagt Koautor João Zilhão von der Universität Barcelona. (Science, 2018; doi: 10.1126/science.aap7778; Science Advances, 2018; doi: 10.1126/sciadv.aar5255)
(University of Southampton, Max-Planck-Gesellschaft, 23.02.2018 – NPO)
23. Februar 2018