Ribonukleinsäuren (RNA) spielen eine wichtige Rolle bei der Übertragung genetischer Information – sie liefern die Bauanleitung für die Herstellung der Proteine in der Zelle. Kleine RNA-Moleküle (small RNA) übernehmen aber auch vielfältige regulatorische Aufgaben und steuern Art und Verlauf der Gen-Ausprägung und damit Entwicklungsvorgänge. Dass solche small RNAs in Pflanzen auch in die Abwehr gegen Fraßfeinde eingebunden sind, haben jetzt Jenaer Wissenschaftler in einer neuen Studie gezeigt.
Die Forscher um Ian Baldwin vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie sequenzierten den gesamten vorhandenen „Wortschatz“ an small RNAs von Tabakpflanzen. Wie die Biologen in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) berichten, entschlüsselten sie mithilfe dieses „Wörterbuchs“ den Beitrag der kleinen Moleküle bei der Abwehr von Schadinsekten durch die Pflanze.
Gene stumm schalten
Kleine 18 bis 26 Nukleotide lange RNA-Abschnitte, von den Wissenschaftlern „small RNAs“ genannt, spielen in Organismen ganz verschiedene Rollen. Für Pflanzen besonders wichtig ist ihre Funktion bei der Abwehr von Viren. Mittels RNA-Interferenz können diese kleinen Moleküle bestimmte Gene quasi stumm schalten, indem sie an die komplementäre Basensequenz der Boten-RNA binden und somit deren Übersetzung in das Protein verhindern. Durch diese Interaktion können kleine RNAs den Ablauf ganzer Signalketten verändern. Die small RNAs entstehen dabei aus doppelsträngigen RNA-Vorläufermolekülen, die von bestimmten Enzymen, sogenannten RNA-Polymerasen (RdRs) hergestellt werden. Gene, die für diese Art von Enzymen kodieren und RNA-Interferenz somit erst ermöglichen, haben Wissenschaftler bereits in mehreren Pflanzenspezies identifiziert.
Shree Pandey und Baldwin wollten feststellen, ob RNA-Interferenz in Pflanzen bei der Abwehr von Fraßfeinden eine Rolle spielt und untersuchten dazu die entsprechenden RNA-Polymerasen aus Wildem Tabak (Nicotiana attenuata). Die chemischen Inhaltsstoffe von Raupenspeichel signalisieren den Pflanzen Schädlingsbefall. Bereits eine Stunde nach der Induktion von Pflanzen mit Raupenspeichel konnten die Pflanzenforscher eine um den Faktor zehn erhöhte Aktivität von einem der drei gefundenen Gene, die für RNA-Polymerasen kodieren, feststellen.