Für uns Menschen ist oft wenig verständlich, wie Tiere die Welt wahrnehmen. Die Augen der Bienen erfassen beispielsweise auch UV-Licht – diese Wahrnehmung ist für uns schwer nachvollziehbar. Daher existieren viele verschiedene Vermutungen und Vorstellungen, die jedoch oft nur ungenau zutreffen.
Während beispielsweise Hunde ein ausgezeichnetes Gehör und eine hervorragende Nase haben, gelten ihre Augen als vergleichsweise schlecht. Daher stammt die Annahme, dass Hunde sich generell mehr auf die Nase als ihre Augen verlassen, und dass sie gewissermaßen „Gerüche sehen“ können. Tatsächlich hat der Geruchssinn für Hunde einen ähnlich hohen Stellenwert wie der Sehsinn für uns Menschen.
Jenseits von grün ist alles gelb
Doch unterentwickelt sind die Augen der Hunde keineswegs, sie sind sogar sehr leistungsfähig – allerdings auf völlig andere Weise als das menschliche Auge: Hunde sind besonders gut darin, kleinste Bewegungen zu bemerken und auch schnelle Bewegungen erfassen sie besser als wir: So können Hunde zum Beispiel 60 bis 70 Einzelbilder pro Sekunde wahrnehmen – das ist mehr als doppelt so viel wie das menschliche Auge.
Ebenfalls unzutreffend über die Sicht der Hunde ist, dass sie nur schwarzweiß sehen können. Hunde haben zwei verschiedene Farbrezeptoren in ihren Augen, so wie die meisten an Land lebenden Säugetiere. Während wir Menschen drei verschiedene Farben wahrnehmen können nämlich rot, grün und blau, decken die Rezeptoren der Hunde vor allem den blauen Bereich des Spektrums ab. Blaue Gegenstände erkennen sie daher sehr gut, rot und grün können sie jedoch nicht unterscheiden und sehen sie stattdessen einheitlich als gelb.
Stiere: „Rot sehen“ oder nicht?
Für Stiere, wie für alle Huftiere, ist die Farbe Rot ebenfalls nicht besonders auffällig. Auch sie haben lediglich zwei Arten von Farbrezeptoren. Das sprichwörtliche „Rot sehen“ basiert daher ebenfalls auf einem Missverständnis. Es ist nicht die rote Farbe des geschwenkten Tuches, die einen Stier beim Stierkampf rasend macht. Stattdessen fühlen sie sich vor allem durch die Bewegungen des Stierkämpfers bedroht und durch Lärm und Schmerz zusätzlich angestachelt.
Eine bessere Sicht als gemeinhin angenommen haben auch typische nachtaktive Tiere wie Fledermäuse und Eulen. Diese verwenden im Dunkeln zwar eher ihre Ohren als ihre Augen. „Blind wie eine Fledermaus“ oder „blind wie eine Eule“ bedeutet aber nicht, tatsächlich blind zu sein: Eulen haben sehr große und leistungsstarke Augen. Fledermäuse können sogar im UV-Bereich sehen. Ihre größeren Verwandten, die Flughunde, sehen sogar so gut, dass sie völlig ohne die für Fledermäuse typische Echolokation auskommen.
Richtungsweisende Blüten
Wenn uns schon die Sinne der Tiere so fremd sind, gilt das erst recht für Pflanzen. Auch über deren „Sinneswahrnehmungen“ existieren falsche Annahmen. Sonnenblumen haben ihren Namen angeblich daher, dass sie ihre großen, auffälligen Blüten stets der Sonne zuwenden. Doch das stimmt nicht, oder zumindest nur zum Teil: Auf einem Sonnenblumenfeld zeigen zwar tatsächlich praktisch alle Blüten in dieselbe Richtung. Aber im Normalfall zeigen sie nur bei Sonnenaufgang zur Sonne.
Das liegt daran, dass nur die Knospen der Sonnenblume sich an der Sonne orientieren. Öffnen sie sich zur Blüte, zeigen sie den sogenannten Heliotropismus nicht mehr. Dann behalten sie die Wuchsrichtung bei, die sie beim ersten Öffnen der Knospe eingenommen hatten – und das ist meistens in Richtung Sonnenaufgang. Wenn also tatsächlich die Ausrichtung der Blüten namensgebend war, wäre der etwas sperrige Name „Sonnenaufgangsblume“ passender.
Ansgar Kretschmer
Stand: 15.01.2016