Mitte 1942 steht für die US-Atomkommission und General Groves, den Leiter des Manhattan Project, eine Frage im Zentrum der Überlegungen und Diskussionen: Welcher Wissenschaftler soll die Leitung für das „Project Y“ übernehmen – die Entwicklung der ersten Atombombe? Wer hat die Expertise, aber auch die nötigen Führungsqualitäten, um eine solche Mammutaufgabe zu bewältigen?
„Er ist absolut essenziell für dieses Projekt“
Während einige Mitglieder der Atomkommission dafür einen der US-Nobelpreisträger favorisieren, fällt die Wahl von Groves auf Robert Oppenheimer. „Meinem Gefühl nach war er sehr gut qualifiziert, um die theoretischen Aspekte der Arbeit zu bewältigen“, sagt er später in einem Interview für das National Museum of Nuclear Science & Technology. „Ich hatte keine Ahnung, wie er mit dem praktisch-experimentellen Teil umgehen oder die administrative Verantwortung bewältigen würde. Aber ich glaubte, er könne den Job meistern.“
Damit setzt sich Groves gegen die Atomkommission und gegen Bedenken des FBIs durch. Denn Oppenheimer sympathisierte während des Spanischen Bürgerkriegs in den 1930er Jahren mit den Kommunisten – wie damals viele Akademiker. Robert Oppenheimers Bruder Frank und etliche seiner Bekannten waren zu dieser Zeit sogar Mitglieder der kommunistischen Partei. Dennoch gibt General Groves den Befehl, Robert Oppenheimer die Sicherheitsfreigabe zu erteilen. „…ungeachtet der Informationen, die Sie bezüglich Mr. Oppenheimer haben. Er ist absolut essenziell für dieses Projekt“, so seine schriftliche Anweisung.
Robert Oppenheimer wird damit zum wissenschaftlichen Leiter des Project Y – und zur treibenden Kraft beim Bau der Atombombe.
Ein Hochplateau in der Wüste
Im Herbst 1942 beginnt die Suche nach einem geeigneten Standort für die „Atombombenfabrik“. Der Ort muss genug Platz für Labore, Werkstätten und Wohnhäuser bieten sowie für hunderte Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker und Soldaten. Anderseits sollte er entlegen genug sein, um die Geheimhaltung zu gewährleisten – und die Zivilbevölkerung im Fall eines Unfalls nicht zu gefährden.
Die Wahl fällt auf ein karges Hochplateau mitten in der Wüste New Mexicos. Das verlassene Gebäude der ehemaligen Los Alamos Ranch School wird zum Kern einer Forschungsstätte, die innerhalb weniger Monate auf die Größe einer Kleinstadt heranwächst. Soldaten errichten in Windeseile einfache Barracken, verlegen Leitungen und befestigen die einzige Zufahrtsstraße zum Los Alamos Labor, wie es ab jetzt heißt.
Oppenheimer schätzt anfangs, dass für die Arbeit an der Atombombe 50 Wissenschaftler und 50 Techniker reichen werden. Doch damit liegt er weit daneben. Schon Ende 1943 leben 3.500 Menschen auf dem Hochplateau von Los Alamos, bis Ende 1944 werden es 5.700, bis Ende 1945 sogar mehr als 8.000 Menschen sein. Während die Verantwortung für die zivilen Mitarbeitenden mitsamt ihren Familien bei Oppenheimer als Leiter der Forschungsstätte liegt, unterstehen die Wachposten und sonstigen Soldaten in Los Alamos dem Militär. Es gelten strengste Sicherheitsvorschriften.
Ein Haufen ungeklärter Fragen
Nach dem Umzug nach Los Alamos im Frühjahr 1943 machen sich die Physiker und Chemiker um Oppenheimer sofort an die Arbeit – und müssen gleich mehrere ungeklärte Fragen beantworten: „Als wir nach Los Alamos kamen, war nicht bekannt, wie viele Neutronen bei einer Kernspaltung emittiert werden“, berichtet Oppenheimer später im Interview. „Es war auch nicht klar, ob es bei der Reaktion zeitliche Verzögerungen gibt und wie lange diese sind. Aber ohne dies bekommet man keine Explosion. Unsere ersten Experimente waren daher darauf ausgerichtet, diese fundamentalen Fragen zu klären.“
Ein weiteres Problem ist die Frage der Zündung, des Mechanismus, durch den das spaltbare Material die kritische Masse und Dichte überschreitet und die Kettenreaktion einsetzt. Die Forscher um Oppenheimer entwickeln verschiedene Konzepte, wie dies mithilfe von konventionellem Sprengstoff und verschiedenen Formen spaltbaren Materials erreicht werden kann. „Es gab nicht nur ein einziges fundamentales Problem, sondern viele neuartige technologische Probleme, die ziemlich ungewöhnliches Equipment erforderten“, erklärt Oppenheimer.
Der Motor des Projekts
In dieser schwierigen Phase bewährt sich General Groves‘ Entscheidung, Robert Oppenheimer zum Leiter des Projekts zu machen. „Oppie kannte die Forschung, die in jedem Teil des Laboratoriums vorging, im Detail und war exzellent in der Analyse der menschlichen Probleme wie der unzähligen technischen“, sagt Edward Teller später in einem Interview. „Er verstand zu leiten, ohne den Anschein einer Führung zu erwecken. Sein charismatisches Engagement hatte fundamentale Bedeutung für die erfolgreiche und schnelle Fertigstellung der Atombombe.“
Und auch außerhalb der Forschungsarbeit sorgt Oppenheimer dafür, dass die weitgehend isoliert mitten im Nirgendwo lebenden und arbeitenden Menschen in Los Alamos bei Laune bleiben. Er organisierte Ausflüge, veranstaltete Partys und kümmert sich darum, dass Pannen und Probleme bei der Infrastruktur der aus dem Boden gestampften Anlage behoben werden. Zusammen mit seinen Fähigkeiten in der Koordination der wissenschaftlichen Arbeiten macht dies Oppenheimer zum Motor des Project Y.
„Oppenheimer weckte nicht nur Loyalität, sondern auch tiefen Respekt bei jedem, der in Los Alamos war“, erinnert sich der Physiker und spätere Nobelpreisträger Roy Glauber. „Mir fällt kein anderer ein, der dies so zum Erfolg geführt haben könnte.“ Dieser Erfolg lässt allerdings zunächst auf sich warten – entsprechend groß ist der Druck auf Oppenheimer und sein Team.