Zu allen Zeiten spielten Sonnenfinsternisse in Mythologie, Geschichte und Literatur eine wichtige Rolle. Fast immer galt das furchteinflößende Verschwinden der Sonne und die plötzlich hereinbrechende Dunkelheit als Unglücksbote, Zeichen des Zorns der Götter oder als Umsturz der natürlichen Ordnung aller Dinge.
China: Der sonnenverschlingende Drache
Der früheste Bericht einer Sonnenfinsternis stammt aus dem alten China. Dort glaubte man, dass bei einer solchen Verdunklung der Himmelsdrache die Sonne fressen würde. Im Chinesischen bezeichnete man dieses Ereignis daher als „shi“, was so viel heißt wie „essen“. Um den Drachen wieder zu vertreiben, wurden Trommeln geschlagen und Krach gemacht. Denn eine solche Verdunklung galt immer auch als böses Omen – vor allem für die Herrscher.
Entsprechend verärgert war daher im Jahr 2134 vor Christus auch Kaiser Chung K’ang, als eine Eklipse eintrat, ohne dass er vorgewarnt worden war. Seine beiden Hofastronomen Hsi und Ho mussten dies büßen: Sie wurden zur Straße geköpft. Immerhin: Das eilends veranlasste Drohgeschrei, Getrommel und Gerassel hatte zur Erleichterung des Herrschers offenbar Erfolg: Die Sonne kehrte wieder.
Griechenland: Aus Angst zum Frieden
Die wahrscheinlich berühmteste Finsternis der Antike beendete den jahrelangen Krieg zwischen den Armeen der Meder und Lyder. Zum Zeitpunkt der Finsternis, dem 28. Mai 585 vor Christus tobte der Kampf bereits fünf Jahre. Beide Völker waren so beeindruckt vom Anblick der verdunkelten Sonne, dass sie aufhörten zu kämpfen und einen Friedensvertrag schlossen. Das neugeknüpfte Band wurde mit einer Doppelhochzeit besiegelt.
Der griechische Mathematiker und Philosoph Thales soll dieses Ereignis vorausgesehen haben. Sicher ist jedoch, dass spätestens Ptolemäus um 150 vor Christus das Prinzip hinter den Eklipsen erkannte und darüber Buch führte. Von da an beherrschten auch die Gelehrten in Europa die Kunst der Vorhersage von Sonnenfinsternissen. Einige Forscher vermuten, dass der geheimnisvolle Mechanismus von Antikythera ein interaktives Astronomie-Lehrbuch und eine Art „App“ für die Prognose von Sonnenfinsternissen gewesen sein könnte.
Todesbote für Kaiser und Könige
Der Sohn Karls des Großen, Kaiser Ludwig der Fromme, soll im Mai 840 von der fünf Minuten andauernden Verfinsterung der Sonne so erschüttert gewesen sein, dass er kurze Zeit später starb – Zeitgenossen vermuteten aus Furcht. Er hinterließ ein riesiges Reich und drei Söhne, die drei Jahre lang erbittert um den Thron kämpften. Erst mit dem historischen Vertrag von Verdun, der das Reich in drei Teile teilte – in etwa entsprechend den heutigen Ländern Frankreich, Deutschland und Italien, endete der Streit um die Thronfolge.
Eine totale Sonnenfinsternis gab es auch im Jahr 1133, kurz bevor der englische König Heinrich I. starb. Die vier Minuten und 33 Sekunden anhaltende Verfinsterung wird als „schreckliche Dunkelheit“ beschrieben, die die Herzen der Menschen verhärtete. In der Angelsächsischen Chronik heißt es: „Die Sonne wurde zu einem Neumond und die Sterne waren am helllichten Tag zu sehen.“ Heute wird allerdings angenommen, dass der König an einer Lebensmittelvergiftung starb.
Kampf der Engel
Auch bei der Sklavenbefreiung soll eine Sonnenfinsternis eine wichtige Rolle gespielt haben. Net Turner, einer der Anführer der Befreiungsbewegung in den amerikanischen Südstaaten, hatte schon vor dem Jahr 1831 eine Schar von Anhängern um sich versammelt. Aber als dann im Februar 1831 bei einer ringförmigen Finsternis der „schwarze Engel“ Mond den „weißen Engel“ Sonne besiegte, war das das himmlische Zeichen – die Revolte begann. Die Rebellen erreichten immerhin die nächste Stadt, dort stoppte sie aber schon wenig später die Armee und Turner wurde ebenso wie seine 200 Mitstreiter gehenkt.
Nadja Podbregar
Stand: 18.08.2017