Daniel Everett, der die Piraha studierte, hat seine Theorien zum Zusammenhang von Sprache, Denken und Kultur erst im Jahr 2005 veröffentlicht. Vorher habe er es schlicht nicht gewagt, so sein Kommentar. Denn seine These lautet: „Sprache entsteht durch die Kultur“ – und steht damit der heute weit verbreiteten Meinung genau entgegen, Sprache manifestiere Kultur, übermittele, tradiere sie.
Everetts These hat zahlreiche Kontroversen ausgelöst. Manche Kritiker werfen ihm vor, die Sprache der Piraha nur nicht richtig interpretiert zu haben: Sehr wohl sei Chomskys Idee von der universellen Grammatik, die im Menschen verankert sei, auch auf das Piraha anzuwenden Andere greifen Everetts Interpretationen auf und führen sie weiter. In jedem Fall hat Everett die Diskussion vieler Fragen in der Sprachforschung neu belebt.
Grundsätzliche Fragen
Wie weit beeinflusst beispielsweise die Sprache den Rahmen des Denkens? Haben Menschen, deren Muttersprache beispielsweise Urdu ist, ein anderes Denk- und Vorstellungspotenzial als jemand, dessen Muttersprache deutsch ist? Denn Sprachen lassen sich nicht eindeutig übersetzen, in jeder Sprache oder Sprachgruppe gibt es eigene Kategorien, Begriffe oder Abgrenzungen, die so in anderen Sprachen nicht existieren. So ist das Pendant zu „Baum – Holz – Wald“ im Französischen „arbre – bois – bois“, im Dänischen jedoch „træ – træ – skov“. Im Russischen gibt es nur ein Wort für Arm und Hand, „ruka“, jedoch zwei Worte für blau, „goluby“ und „sinij“.
Die Verwandtschaftsbeziehungen im Deutschen können im Vergleich zu anderen Sprachen zu ausführlich oder zu wenig detailliert sein. So sind in den Turksprachen auch Cousinen und Cousins „Brüder“ und „Schwestern“. Im Japanischen dagegen gibt es kein eindeutiges „Ich“, mit dem sich ein Sprecher bezeichnet. Es existieren aber besondere Eigenschaftsworte, je nachdem, mit wem man spricht, ob mit Vater, älterem Bruder oder jüngerer Schwester. Dementsprechend ist der oder die Sprechende beispielsweise „otosan“ (Vater gegenüber eigenem Sohn), „watashi“ (Frau oder Mann gegenüber einem Vorgesetzten) oder „obasan“ (Tante gegenüber Sohn oder Neffen eines Nachbarn).