Als eines der herausstechenden Merkmale der rätselhaften Indus-Kultur galt lange ihre Friedfertigkeit: Archäologische Ausgrabungen in den Siedlungsresten förderten keinerlei Spuren von Kriegen oder Gewalt zutage – weder als Zerstörungen an Gebäuden, noch in Form von Kampfszenen auf Kunstobjekten oder Keramiken. Auch Hinweise auf eine Hierarchie, zentralistische Herrscher oder ein Klassensystem fehlten.
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Man ging deshalb davon aus, dass die Induskultur eher nach dem Prinzip einer „Graswurzel-Regierung“ organisiert war: Die Bevölkerung teilte ihren politischen und religiösen Führern Autorität zu, es gab aber nur eine schwache Hierarchie und ein ansonsten eher egalitäres Gesellschaftssystem. Deshalb, so glaubte man, wurde auch kaum Gewalt benötigt, um soziale Kontrolle auszuüben.
Im Sommer 2012 allerdings stießen Archäologen auf Funde, die das Bild vom Reich des Friedens platzen ließen – oder es zumindest arg ins Wanken brachten. Forscher um Gwen Robbins Schug von der Appalachian State University in Boone hatten für ihre Studie 160 Skelette näher untersucht, die in Harappa in drei verschiedenen Friedhöfen gefunden wurden. Dabei stießen sie besonders bei den Knochen aus der Spätzeit der Indus-Kultur zwischen 1900 und 1700 v.Chr. auf auffallend viele Anzeichen für schwere Verletzungen.