Das Wasser des Rio Tinto ist rot, es stinkt durchdringend nach Schwefel und brennt auf der Haut. Der Fluss im Südwesten Spaniens befördert eine Brühe aus giftigen Schwermetallen wie Kupfer, Nickel, Arsen, Eisen und Kadmium, gelöst in hochprozentiger Schwefelsäure – eine tödliche Mischung sollte man meinen.
Doch der Schein trügt: Mikrobiologen der Universität von Madrid untersuchten Wasserproben des Rio Tinto und waren überrascht: „Wir haben mehr als 1.300 verschiedene Lebensformen entdeckt, darunter Bakterien, Pilze, Hefen, Algen und andere Einzeller,“ erzählt Ricardo Amils. „Und in jeder Probe finden wir etwas Neues.“ Die häufigsten Organismen im Fluss scheinen Algen zu sein, die – unbeeindruckt von einem pH Wert von unter zwei – in grünen Flecken an Flussgrund und -rändern wachsen. Von ihrer regen Photosynthese-Tätigkeit zeugen champagnerartige Luftblasen, die an die Oberfläche steigen.
Wie es die Algen schaffen, in diesem sauren Inferno zu überleben, ist den Forschern bislang allerdings ein Rätsel. Sie vermuten, dass eine Symbiose mit Pilzen ihnen beim Überleben helfen könnte. „In der Evolution zeigt sich, dass Symbionten auch in ansonsten unbewohnbaren Habitaten überleben können,“ erklärt Lynn Margolis, Biologin an der Universität von Massachusetts.
An einer Stelle des Flussufers liegen die Skelette von ausgemusterten Eisenbahnwaggons, ihre Metallteile sind bis auf einige dicke Verstrebungen völlig zerfressen und zerfallen. Dies ist jedoch keineswegs allein die Folge der ätzenden Säuren im Flusswasser, sondern, wie die Forscher erklären, die Schuld der „Metall-Pyranhas“. Gemeint sind damit winzige Bakterien im Wasser des Flusses, Angehörige der Art Leptospirillum ferrooxidans. Sie ernähren sich ausschließlich von Eisen und dies offensichtlich sehr ausgiebig und effektiv.