Es gibt viele Spekulationen darüber, wie die Neandertaler sich ernährten. Fest steht, dass sie Jäger und Sammler waren. Daher stammt die Vorlage zur „Steinzeit-Diät“: Angeblich sollen die Menschen vor 50.000 bis 100.000 Jahren hauptsächlich von der Jagd gelebt und nahezu ausschließlich Fleisch gegessen haben. Diese Vorstellung ist jedoch zu einseitig.
Viel Fleisch, aber auch Pflanzen
Die Idee vom Neandertaler als „Fleischfresser“ stammte ursprünglich von in deren Siedlungen gefundenen Tierknochen. Sie führten zu der Annahme, die Neandertaler hätten ausschließlich von Fleisch gelebt, da keine anderen Nahrungsüberreste auffindbar waren. Knochen bleiben jedoch wesentlich länger erhalten als Pflanzenreste. Wissenschaftler befürchteten darum, unsere Vorstellung vom Speiseplan der Neandertaler sei drastisch in Richtung Fleisch verzerrt.
Klarheit darüber brachten dann keine Speisereste, sondern andere Hinterlassenschaften: In der Nähe der spanischen Stadt Alicante fanden Ainara Sistiaga von der Universität La Laguna auf Teneriffa und ihre Kollegen winzige Steinkügelchen, die sich als versteinerter Kot von Neandertalern herausstellten. Ebenfalls vorhandene Knochen und Steinwerkzeuge bestätigten, dass vor 60.000 bis 45.000 Jahren regelmäßig Gruppen von Neandertalern an diesem Fundort gelagert haben.
Der Steinzeit-Kot enthielt nachweisbare Reste und Abbauprodukte von Cholesterin und Pflanzenfetten. Daraus konnten die Forscher ungefähr abschätzen, wie hoch der Fleischanteil in der Nahrung der Neandertaler war. Demnach aßen sie in der Tat vor allem Fleisch, Pflanzen waren aber ebenfalls ein wichtiger und fester Bestandteil ihrer Ernährung.
Steinzeit-Diät war nicht „low-carb“
Dass die Frühmenschen keine reinen „Fleischfresser“ waren, belegen auch Pflanzenreste an gefundenen Fossilien von Neandertaler-Zähnen aus der irakischen Shanidar-Höhle. Zähneputzen war zu ihrer Zeit noch unbekannt, daher blieben mikroskopische Reste ihrer Nahrung im Zahnstein erhalten.
Forscher fanden darin Stärkekörnchen, die auf verschiedene Pflanzen wie Wildgräser, Wurzeln, Knollen und Gemüse hindeuten. Von einer „low carb“-Diät mit weitgehendem Verzicht auf Kohlenhydrate war bei den Neandertalern also keine Rede. Viele dieser Körnchen zeigten außerdem typische Anzeichen dafür, dass sie erhitzt worden waren – offenbar haben die Neandertaler ihre pflanzliche Nahrung gekocht oder gegrillt.
Darüber hinaus offenbarte der Zahnstein der Neandertaler auch Überreste von pflanzlichen Arzneistoffen. Dies deutet darauf hin, dass die Urmenschen bereits über eine Art Hausapotheke von Heilpflanzen verfügten. Es ist zwar möglich, dass sie diese Pflanzen bloß als Nahrung nutzten und sich der heilenden Effekte nicht bewusst waren. Dagegen spricht jedoch der alles andere als angenehme Geschmack vieler medizinisch wirksamer Pflanzen.
Ansgar Kretschmer
Stand: 13.03.2015