Nach einer gewaltigen Flut, die mit einer 1,5 bis zwei Meter dicken Lehmschicht alles unter sich begräbt, schließen sich die wenigen Überlebenden der unterschiedlichsten Völker zusammen und gründen um 4.000 vor Christus in Südmesopotamien, 120 Kilometer westlich des Zusammenflusses von Euphrat und Tigris, Ur – eine altorientalische Stadt in Sumer. Das Zweistromland zieht Siedler aus allen Himmelsrichtungen an. Bald hat Ur wesentlich mehr Einwohner als die kleinen, ländlichen Siedlungen – in seiner Blütezeit überschreitet die Einwohnerzahl die 20.000er Grenze. Zu Beginn des 3. Jahrtausends vor Christus ist die Stadt ungefähr 100 Hektar groß – eine beachtliche Größe.
Die bunte Mischung der Bewohner von Ur ist ein Glücksfall, da alle Kulturen sich mit den unterschiedlichsten Kenntnissen und Begabungen einbringen und so die Entwicklung vorantreiben. Das Volk der Al-Ubaid trägt beispielsweise wesentlich zu der Kultur der Sumer bei, die Uruk sind die Spezialisten auf dem Gebiet der Metallverwendung und die Dschemdet-Nasr – die einer Legende nach halb Fisch, halb Mensch sein sollen – beherrschen die Schreibkunst, den Ackerbau und die Metallverarbeitung. Das Volk, das aus den Überbleibseln der untergegangenen Völker entstanden ist, entwickelt Handelsbeziehungen in die entferntesten Winkel der Erde und führt Luxusgüter aus allen Herren Länder ein. Ein großer Arbeitgeber für die Menschen von Ur ist außerdem das Kreditwesen, das bereits große Bedeutung erlangt hat.

Die Zikkurat © IMSI MasterClips
Auch die Kunst der Stadtplanung und Architektur beherrschen die Bewohner von Ur. So beinhaltet ihre Stadt zahlreiche städtebauliche Merkmale, die eindeutig eine Stadt ausmachen. Die Temenos, der heilige Bezirk mit der prächtigen Zikkurat, steht für die politische Macht, der Hafen und Kanal für Handel und Verkehr, die Häuser und der Palast signalisieren die differenzierte Sozialstruktur und die Stadtmauer grenzt die Stadt deutlich von ihrem Umland ab.
Für das Umland stellt Ur einen so genannten „zentralen Ort“ dar – politische Hauptverwaltungen, große Wirtschaftseinrichtungen, spezialisierte Handelsplätze und eine hohe Arbeitsplatzkonzentration, das alles hat Ur zu bieten und lockt so zahlreiche Menschen an. Auch das kulturelle Angebot Urs ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.
Innerhalb des Stadtgebietes ist Ur in drei Teile gegliedert – den dichtbebauten und von einer Mauer umgebenen Innenstadtbereich, den Vorortring mit lockeren Hüttensiedlungen außerhalb der Mauer und den Hafenbereich. Über allem thront der ebenfalls von einer Mauer umgebene Tempelbezirk zu Ehren der Schutzgöttin Nanna.
Schon allein die Wahl des Standortes an einem Flussufer, umgeben von fruchtbaren Land, und die an natürlichen Gegebenheiten ausgerichtete innere Ordnung der Stadt zeigen das große stadtplanerische Wissen der Bewohner von Ur. Der Lage am Euphrat hat Ur seine wichtige Rolle im Verkehrsnetz zu verdanken. Hier wird der Handel aller Waren, die Mesopotamien aus südlicher Richtung erreichen kontrolliert.
Ur – die beduinische Handelsstadt und eine der erste Städte überhaupt – entwickelt sich im Laufe der Jahre zum wirtschaftlichen, religiösen und politischen Zentrum von Sumer und bis 2.800 vor Christus zu einem der reichsten Stadtstaaten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Stadt in den Augen wilder Räuber aus den umliegenden Hochgebirgsketten Zugos ein lohnendes Ziel für den ein oder anderen Überfall ist…
Stand: 24.06.2001
24. Juni 2001