Auch nach ihrer Rückkehr von der Mittelmeer-Expedition lassen die rätselhaften Funde Kenneth Hsü und seine Kollegen nicht mehr los. Ihre große Frage: Was kann vor sechs Millionen Jahren dazu geführt haben, dass das Mittelmeer komplett trocken fiel? Und warum waren die dabei abgelagerten Sedimente so extrem dick? Und noch etwas ist seltsam: Oberhalb der Schicht aus Salzen findet sich in den Bohrkernen wieder ein abrupter Schnitt und dann folgen Fossilien ganz normaler Meeresbewohner, Muscheln, kleiner Krebse und Foraminiferen. Nach der großen Verdunstung muss demnach wieder der Urzustand eingekehrt sein – und dies ziemlich schnell.
Als naheliegende Erklärung bot sich die Plattentektonik an – die stetige Drift der Kontinente über die Erde. Denn auch das Mittelmeer verdankt seine Existenz letztlich genau dieser ständigen Wanderung. Die Geburt dieses Meeres liegt weit zurück in der Erdgeschichte: Vor rund 200 Millionen Jahren begann der Superkontinent Pangäa langsam auseinander zu brechen. Im Osten der gigantischen Landmasse, die alle heutigen Kontinente umfasste, kerbte sich eine große Bucht ein, die sich immer weiter nach Westen ins Land hineinfraß.
Vom Meeresarm zum Fast-Binnenmeer
Vor rund 150 Millionen Jahren dann war die Spaltung komplett: Ein breiter Meeresarm trennte den Nordkontinent Laurasia vom Südkontinent Gondwana ab. Dieser Meeresarm, Tethys genannt, ist der Urvater des Mittelmeeres. Im Laufe der Jahrmillionen schoben sich das heutige Afrika und Arabien immer weiter nach Norden und engten die einst breite Meeresstraße immer weiter ein. Vor rund 20 Millionen Jahren war Tethys auf ein paar schmale Kanäle zusammengeschrumpft, die den Atlantik mit dem Indischen Ozean verbanden.
Rund zwei Millionen Jahre später es dann soweit: Das Ostende der Meerenge schloss sich und aus der Tethys wurde das Mittelmeer. Zum Atlantik hin war dieses junge Meer zunächst noch ziemlich weit offen. Doch die unerbittliche Kraft der Plattentektonik schob Afrika weiterhin langsam immer weiter nach Norden, auf Europa zu. Und nun wurde es spannend: Denn vor rund sechs Millionen – also etwa um die gleiche Zeit, als sich die rätselhaft dicken Gesteinsschichten aus Salzen ablagerten – waren Europa und Afrika sich so nahe gekommen, dass die Straße von Gibraltar nur noch sehr schmal war.
Angehoben durch die Drift?
„Theoretisch gäbe es nun verschiedene Möglichkeiten, wie dabei die Evaporite entstanden sein könnten“, erklärt Hsü 1973 im Fachmagazin „Nature“. So könnte die Drift der Afrikanischen Platte auf Europa zu das gesamte Becken des Mittelmeeres eingekeilt und angehoben haben. Dadurch wäre das Meer nur noch sehr flach und könnte im Laufe von Jahrmillionen ausgetrocknet sein, wenn über die Straße von Gibraltar kein oder kaum mehr Wasser aus dem Atlantik einströmte. „Auch heute noch verliert das Mittelmeer – wenn man Verdunstung und Einstrom durch Flüsse gegenrechnet – rund 3.300 Kubikkilometer Wasser pro Jahr“, so Hsü.
Diese Theorie vertritt zunächst auch Hsüs Kollege Wladimir Nesteroff von der Universität Paris: „Alle Belege sprechen dafür, dass die Ablagerungen in einem sehr flachen Becken entstanden sind“, konstatiert er 1973 in seinem Bericht zur Expedition. Denn an der Oberseite der Ablagerungen seien Formationen zu erkennen, die nur dann entstehen, wenn das Gestein unmittelbar an oder nahe der Wasseroberfläche liegt. „Das Becken wäre damals ähnlich dem gewesen, wie wir es heute kennen, lag aber nur 100 bis 500 Meter unter dem Meeresspiegel“, so Nesteroff.
Doch es gibt einige Daten, die zu diesem Szenario absolut nicht passen wollen…
Nadja Podbregar
Stand: 22.03.2013