Das Lateinische ist heute so etwas wie der Inbegriff einer toten Sprache. Doch abgesehen von regionalen Gebietsverlusten wie in Britannien, Nordafrika und auf dem Balkan, ist diese Sprache keine der klassischen „Sprachtode“ gestorben – im Gegenteil: Die zu eigenen Sprachen ausdifferenzierten Dialekte des Volkslateins der Antike und des frühen Mittelalters werden bis heute in ungebrochener Kontinuität gesprochen, derzeit weltweit von circa 800 Millionen Muttersprachlern.

Ein bloßer Seitenzweig
Das klassische Latein wiederum, das gemeinhin als „tot“ bezeichnet wird, repräsentiert gar nicht die gesprochene Sprache seiner Entstehungszeit im ersten vorchristlichen Jahrhundert – vielmehr ist es ein Seitenzweig der lateinischen Sprachgeschichte. Klassisches Latein zeichnet sich durch die reiche Verwendung von Partizipial-Konstruktionen sowie die ausladenden, sich zum Ende elegant rundenden Satzperioden mit zahlreichen Nebensätzen aus. Diese jedoch waren in der Sprache des Volkes zu keiner Zeit beliebt.
Der Ausbau des Lateins zu einer gebildeten Hoch- und Schriftsprache ist einer dünnen Schicht von literarisch ambitionierten Römern wie Cicero und Caesar zu verdanken, die sich um die Entwicklung einer der griechischen ebenbürtigen Kunstprosa bemühten. Das Ergebnis unterschied sich merklich sowohl vom gesprochenen Umgangs- als auch vom schriftlichen Gebrauchslatein, blieb aber noch für alle verständlich.
Von der Volkssprache abgekoppelt
Spätere Prosaiker entwickelten diese leicht artifizielle Varietät zunächst noch etwas weiter; eine Rückbindung an die sich verändernde Volkssprache blieb aber aus. Schließlich erhob Quintilian, der erste staatlich bestallte Rhetoriklehrer Roms, das zu seiner Zeit schon 150 Jahre alte Latein Ciceros zum maßgeblichen Stilideal. Damit leitete er dessen Siegeszug in den Schulen des Römischen Reiches und später ganz Europas ein.