Archäologie

Enträtselt dieses Fundstück die Minoer-Schrift?

Archäologen finden Elfenbeinobjekt mit längster Inschrift der mysteriösen Linearschrift A

Elfenbein-Zepter
Dieses rund 3.700 Jahre alte in Knossos entdeckte Elfenbeinobjekt trägt die bisher längste bekannte Inschrift in der noch nicht entzifferten Linearschrift A der Minoer. © Kanta et al./ Ph. Sapirstein; CC-by-nc-sa 4.0

Schlüssel zur Entzifferung? In Knossos haben Archäologen ein Elfenbeinobjekt mit Symbolen der minoischen Linearschrift A entdeckt. Diese rund 3.800 Jahre alte Schrift ist bis heute nicht entziffert – auch weil es an Funden fehlt. Das neu entdeckte Kultobjekt trägt jedoch 119 Zeichen dieser Schrift und ist damit die bisher längste Inschrift mit Linear-A-Symbolen. Weil diese Zeichen in Kombination mit Bildern auftauchen, könnten sie entscheidend dazu beitragen, diese Schrift der minoischen Kultur zu entschlüsseln.

Die Minoer waren die erste Hochkultur Europas. Schon um 2.500 vor Christus errichteten sie erste Palastanlagen auf Kreta und wurden zur führenden Handelsmacht im östlichen Mittelmeer. Parallel dazu schufen die Minoer gleich zwei Schriftsysteme: die minoische Hieroglyphenschrift und die aus abstrakten Zeichen bestehende Linearschrift A. Sie gilt als die älteste echte Schrift Europas – doch weder die Linearschrift A noch die Sprache, in der sie geschrieben wurde, sind bisher entschlüsselt.

Raum mit Funden
In diesem Raum des minoischen Gebäudes in Knossos wurde der Elfenbeinring samt Griff gefunden. © Kanta et al./ Ariadne Supplement, CC-by-nc-sa 4.0

Einer der Gründe dafür: Funde mit Linearschrift A sind selten und tragen meist nur sehr kurze, aus wenigen Zeichen bestehende Inschriften. Das macht es fast unmöglich, die Sprache von Linear A zu identifizieren oder die Symbole durch kryptografische Methoden zu entschlüsseln.

Gebäude und Kultobjekte aus der Minoer-Zeit

Doch jetzt könnte ein neuer Fund mehr Licht ins Dunkel bringen. Entdeckt haben ihn Archäologen um Athanasia Kanta von der University of Virginia bei einer Rettungsgrabung in Knossos auf Kreta. Weil in dem Dorf unweit des berühmten Palasts von Knossos Bauarbeiten geplant waren, sollten zuvor mögliche Relikte aus der minoischen Zeit kartiert und geborgen werden. Tatsächlich wurde das Team fündig und entdeckte unter den Resten eines römischen Tempels die Überreste eines älteren Gebäudes aus der Minoerzeit.

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„Über dem Felsgrund trat ein Gebäude aus der Neopalast-Ära zutage, dessen Charakter bisher einzigartig ist“, berichten Kanta und ihre Kollegen. Das um 1700 vor Christus erbaute Gebäude war offenbar eine Art Heiligtum, wie zahlreiche Funde von Kultobjekten, Kohlefeuern und Reste von Wandgemälden nahelegen. In einem der Räume stießen die Archäologen auf eine eingesenkte Grube, in der sie zwischen anderen Relikten ein besonderes Objekt entdeckten – einen Gegenstand mit Linearschrift-A-Symbolen.

War das Elfenbein-„Zepter“ ein Kultobjekt?

Es handelt sich um einen rund 14 Zentimeter großen Ring aus Elfenbein mit rund 13 Zentimeter langem Elfenbeingriff. In seiner Form erinnert das Objekt damit an einen bronzezeitlichen Handspiegel – nur ohne Spiegel. „Beim Zusammensetzen des Objekts wurde klar, dass die Mitte des Rings einst eine Komponente aus leicht vergänglichem Material umfasste, das von ebenfalls nicht konservierten Stäben gehalten wurde“, erklären die Archäologen.

Kanta und ihr Team vermuten, dass es sich bei dem Elfenbeinring um ein Kultobjekt der Minoer handelte. „Obwohl dieses Objekt bisher einzigartig ist, könnte es auf einigen Funden dargestellt sein, beispielsweise einem Goldring aus dem Grab des Greifenkriegers„, erklären sie. Es gibt zudem Abbildungen, in denen Göttinnen solche „Ringzepter“ in der Hand halten.

119 Zeichen in Linearschrift A

Das Entscheidende jedoch: „Der Elfenbeinring trägt eine lange Inschrift in Linearschrift A, die auf drei der vier Seiten klar erkennbar ist, wahrscheinlich aber auf allen vieren vorhanden war“, berichten Kanta und ihre Kollegen. Diese Symbole sind in Gruppen angeordnet, die durch senkrechte Linien voneinander getrennt sind. Solche Einheiten werden als Metopen bezeichnet. Insgesamt sind auf dem Elfenbeinring 119 Linear-A-Zeichen erhalten – 84 nahezu vollständig und 35 in Teilen.

„Damit ist dies die längste bekannte Inschrift in Linear A“, schreiben Kanta und ihr Team. Anders als der bisherige Rekordhalter, eine Tontafel mit 105 Linear-A-Symbolen, scheint der Elfenbeinring keine Zahlen zu umfassen. Die Gruppierung der Linear-A-Zeichen ist zudem bisher einzigartig und findet sich auf keinem anderen bekannten Linearschrift-A-Text wieder, wie die Archäologen berichten.

Nahansicht Elfenbeinring
Tierfiguren, Vase und einige beschädigte Linear-A-Zeichen auf dem Elfenbeinring. © Kanta et al./ Ariadne Supplement, CC-by-nc-sa 4.0

Zutatenliste für ein Ritual?

Eine weitere Besonderheit ist der Stil der Inschrift: „Es gibt nur wenige Linear-A-Inschriften, selbst unter den qualitativ hochwertigen, deren Zeichen so lebensecht, so kunstvoll und fast dreidimensional ausgeführt wurden“, betonen Kanta und ihre Kollegen. „Wir sehen hier zum ersten Mal eine Linear-A-Inschrift, die vorwiegend in einem kalligrafischen Stil eingeritzt wurde. Das ist ein neues Schlüsselmerkmal, das für paläografische Studien wichtig sein könnte.“

Ebenfalls hilfreich könnte die Kombination der Schriftzeichen mit Abbildungen sein: Die Linear-A-Metopen wechseln sich mit Abschnitten an, die stilisierte Tierfiguren, Gefäße oder Textilien zeigen. „Die Art und Zahl dieser Tiere könnten die Gaben anzeigen, die bei rituellen Festen geopfert wurden“, mutmaßen die Archäologen. „Auch die Gefäße – Dreifüße, Amphoren und Rhyta – scheinen klar rituelle Funktionen zu haben.“ Ein Rhyton ist ein einhenkeliges Gefäß zum Ausgießen von Trankopfern.

„Die Ikonografie und die Schrift sind Teil desselben Narrativs. Dieses könnte die Bestandteile einer Zeremonie oder einer religiösen Feier beschreiben“, berichten Kanta und ihr Team.

Neuer Ansatz zur Entschlüsselung

Nach Ansicht der Archäologen liefert der neue Fund damit bedeutende Ansatzpunkte für die Erforschung und mögliche Entzifferung der minoischen Linearschrift A. Denn aus der Spätphase der minoischen Kultur sind ganz ähnliche Auflistungen von Ritualzutaten in der einzigen bisher entschlüsselten Minoerschrift erhalten: der Linearschrift B. Sie wurde wahrscheinlich von der benachbarten Kultur der Mykener entwickelt. Diese nutzten Zeichen der Minoer, aber notierten damit ihre eigene, frühgriechische Sprache.

Der Vergleich der Ritual-Listen könnte daher helfen, die Bedeutung der rätselhaften Linearschrift-A-Zeichen zu enträtseln. Die linguistischen Analysen der neu entdeckten Inschrift haben gerade erst begonnen. „Die kurze Beschreibung dieser Inschriften in unserem Artikel können nur eine erste Idee der Informationen geben, die diese Funde zur Erforschung der kretischen Schriften beitragen“, schreiben die Archäologen. (Ariadne Supplement 5, 2025; doi: 10.26248/ariadne.vi.1841)

Quelle: Ariadne Supplement 5: Proceedings of the 15th international colloquium on Mycenaean studies

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