Mikrobe ahoi: Die Vorfahren vieler heute im Ozean allgegenwärtigen Cyanobakterien könnten vor über 500 Millionen Jahren auf Chitin-Partikeln aufs offene Meer hinausgefahren sein und den Lebensraum von dort besiedelt haben. Darauf deuten Gene für den Chitinabbau im Erbgut einiger Stämme hin. Deren frühe Vorfahren hafteten sich vermutlich an Chitin-Flocken aus den Exoskeletten von Gliederfüßern und nutzten diese als Floß und Nahrungsquelle. Im Laufe der Generationen passten sich die Bakterien dann ans Leben im offenen Meer an und ließen die Schiffchen hinter sich.
Der Sauerstoff, den wir einatmen, stammt mindestens zur Hälfte aus den Weltmeeren. Dort betreibt mikroskopisch kleines Phytoplankton zu Abermilliarden Photosynthese. Die zahlenmäßig größte Untergruppe des Phytoplanktons sind die sogenannten Picocyanobakterien, zu denen Synechococcus- und Prochlorococcus-Mikroben gehören. Schätzungen zufolge leben in einem einzelnen Milliliter Meerwasser über 100.000 Prochlorokokken. Auf alle Weltmeere gerechnet, entspricht das der Masse von 220 Millionen Kleinwagen.
Doch Picocyanobakterien haben nicht von Anfang an im offenen Ozean gelebt. Die Vorfahren der Mikroben hielten sich wahrscheinlich im ufernahen Flachwasser auf, wo sie sich in mikrobiellen Matten auf dem Meeresboden zusammenschlossen. Doch wie gelang den kleinen Sauerstofffabriken dann die Umschulung zum Freischwimmer?
Ungewöhnliches Erbe als Zufallsfund
Wissenschaftlern um Giovanna Capovilla vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) ist es nun gelungen, die einstige Seereise der Picocyanobakterien nachzuzeichnen. Auf den entscheidenden Hinweis stießen sie dabei rein zufällig. Sie erforschten eigentlich gerade die Überlebensstrategien von Prochlorococcus-Stämmen, die zu weit weg vom Sonnenlicht leben, um sich via Photosynthese zu ernähren. Dabei entdeckten die Forschenden ein Gen, das die Fähigkeit kodiert, Chitin abzubauen. Das kohlenstoffreiche Material stammt aus den Panzern von Gliederfüßern wie Insekten und Krebstieren.