Chromatinstruktur sichtbar gemacht
Ob dies wirklich so ist, ließ sich aber bisher nicht beweisen, weil keine zerstörungsfreien Abbildungsmethoden existierten. ‚“Es ist eine der widerspenstigsten Herausforderungen der Biologie, diese höhere Struktur der DNA zu beobachten und zu sehen, wie sie mit der Funktion des Genoms verknüpft ist“, erklärt Studienleiterin Clodagh O’Shea vom Salk Institute for Biological Studies in La Jolla.

Durch die neue Methode ermittelte Chromatinstruktur (vorne), Elektronenmikroskopische Ansicht und Packungsdichte (hinten) © Salk Institute/ Clodagh O'Shea
Genau diese Herausforderung haben O’Shea und ihre Kollegen nun gemeistert. Sie haben einen Farbstoff gefunden, der selektiv Metall an die DNA anlagert und so die Chromatinstruktur sichtbar macht, ohne sie zu verändern oder zu zerstören. Dadurch konnten sie das Erbmaterial im Zellkern intakter Zellen präparieren und mittels Elektronenmikroskop-Tomografie (ChromEMT) dreidimensional abbilden.
Knäuel statt säuberliche Lagen
Das überraschende Ergebnis: Von den in Lehrbüchern postulierten ordentlichen Fasern oder säuberlichen Strukturen ist nichts zu sehen. Im Gegenteil: Das Chromatin bildet im Zellkern unordentliche Cluster, in denen das Erbmaterial auf ganz unterschiedliche Weise gefaltet und verknäuelt ist, wie die Aufnahmen enthüllten.
„Wir beobachten zum Beispiel Chromatinketten mit kurzen geraden Abschnitten, in denen das Chromatin wie gestapelt erscheint“, berichten die Wissenschaftler. „Dann wieder gibt es Chromatinketten mit einer helixartigen Windung. Ein weiteres wiederkehrendes Muster ist die Bildung von Schleifen verschiedenster Größe innerhalb und zwischen den Chromatinketten.“
Lehrbuch-Theorie widerlegt
Diese scheinbar chaotische Struktur des Chromatins widerspricht klar der gängigen Theorie – die Lehrbücher müssen wohl umgeschrieben werden. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Chromatin gar keine festen Strukturen höherer Ordnung bilden muss, um in den Zellkern zu passen“, sagt O’Shea. „Stattdessen liefert die Packungsdichte die Basis für die verschiedenen Strukturen.“
Die Packungsdichte beeinflusst auch, an welchen Stellen die DNA zugänglich und ablesbar ist, so die Forscher. Die dafür benötigten Enzyme werden von der Form der Falten und Knäuel direkt an die Andockstellen geleitet – sie tauchen in die Struktur ein wie eine Drohne in einen Canyon. „So kontrolliert die Packungsdichte die funktionelle Aktivität und die Zugänglichkeit unseres Erbguts“ , erklärt O’Shea.
„Bahnbrechende Errungenschaft“
Erstmals ist damit eines der großen Rätsel unseres Erbmaterials gelöst. Dank der neuen Möglichkeit, das Chromatin an Ort und Stelle zu beobachten, können Wissenschaftler nun erstmals direkt erforschen, wie die übergeordnete Struktur der DNA ihre Aktivität beeinflusst. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten der Forschung, aber vielleicht auch der Medizin.
„Die Visualisierung des Chromatinfadens im Zellkern ist eine bahnbrechende Errungenschaft“, schreiben denn auch Daniel Larson und Tom Misteli vom US National Cancer Institute in einem begleitenden Kommentar. (Science, 2017; doi: 10.1126/science.aag0025)
(Salk Institute/ Science, 28.07.2017 – NPO)
28. Juli 2017