Männchen bleiben kleiner
Das Ergebnis: Die mehr als 1.000 Messungen ergaben, dass die Weibchen bei den Walhaien in puncto Körpergröße die Nase vorn haben. Demnach erreichen ausgewachsene Haimännchen im Schnitt zwischen acht und neun Metern Länge. Bei den sechs beobachteten Hai-Damen hingegen wiesen die Forscher eine Länge von bis zu 14 Metern nach. Auch die Vergleichsstudien erbrachten ähnliche Ergebnisse.
Dies bestätigt, dass es bei Walhaien, wie auch bei einigen andere Fischen, einen geschlechtsspezifischen Größenunterschied gibt. Ähnliches lässt sich bei weiteren Haiarten wie zum Beispiel dem Hammerhai oder dem Schwarznasenhai beobachten.
Hai-Damen wachsen ihr Leben lang
Neu ist jedoch eine weitere Erkenntnis: Auch das Tempo des Wachstums unterscheidet sich bei den Männchen und Weibchen der Walhaie deutlich. Die männlichen Haie wachsen in den ersten zehn Jahren schneller heran als ihre weiblichen Artgenossen. Dann jedoch verlangsamt sich ihre Größenzunahme stark, bis sie mit rund 20 Jahren ausgewachsen sind.
Das Wachstum der Weibchen läuft hingegen langsamer ab: „Obwohl sie groß sind, wachsen sie sehr, sehr langsam“, erklärt Meekan. „Im Jahr sind es nur etwa 20 bis 30 Zentimeter.“ Dafür aber verändert sich das Wachstum der Walhaiweibchen nicht. Sie nehmen nahezu ihr ganzes Leben hindurch weiter an Größe zu, wie die Forscher ermittelten. Dadurch erreichen sie jenseits der 20 Jahre deutlich höhere Körperlängen als ihre männlichen Artgenossen. „Diese Studie verändert alles, was wir über das Wachstum von Haien bisher wussten“, fasst Meekan zusammen.
Vorteil für die Fortpflanzung
Aber warum gibt es diese Unterschiede? Wie die Forscher erklären, haben das langsame, aber stetige Wachstum und die enorme Körperlänge der Walhai-Weibchen durchaus einen biologischen Sinn: „Die gigantischen Weibchen werden vermutlich so groß, weil sie sich um eine hohe Zahl an Jungen kümmern müssen“, erklärt Meekan. „Bisher wurde erst ein einziges trächtiger Walhaiweibchen gefunden – und sie trug 300 Jungtiere in sich. Das ist eine bemerkenswerte Zahl – die meisten Haie haben zwei bis zwölf Junge.“
Die neuen Erkenntnisse liefern auch Erklärungen für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Lebensweise der Walhaie: Junge Männchen halten sich die meiste Zeit in den flachen Küstengewässern auf und verlassen sie erst zur Paarung. Die tropischen Küsten wie in Australien bieten den Tieren ausreichend Plankton, Fische und Kleinstlebewesen, um ihren enormen Nahrungsbedarf zu decken. „Sie sammeln sich an den Küsten, um die Fülle an Nahrung zu nutzen und möglichst schnell heranzuwachsen“, begründet Meekan.
Bei den Weibchen stellte das Forscherteam das Gegenteil fest: Statt mit den Herren in Küstennähe um Nahrung zu konkurrieren, halten sich die Weibchen eher im tieferen, offenen Meer auf. Dort bleiben sie ungestört, aber wachsen durch das geringere Nahrungsvorkommen in diesen Bereichen des Ozeans auch weniger schnell. Das neue Wissen über die Walhaie begeistert die Forscher: „Damit könnten die geschlechtsspezifischen Wachstumsmuster der Walhaie plausible Erklärungen für viele Merkmale in der Ökologie dieser Art liefern.“
Vom Aussterben bedrohte Rekordhalter
Die neuen Erkenntnisse der Untersuchung wecken aber auch Sorge bei den Wissenschaftlern.
„Wenn du ein sehr langsam wachsendes Tier bist, das fast 30 Jahre oder länger bis zur Geschlechtsreife braucht, dann ist das Risiko sehr hoch, dass dir etwas Schlimmes passiert, bevor du die Chance zu Paarung hast“, erklärt Meekan. Besonders gefährdet sind die Walhaie, weil sie ein begehrter Fang für Fischer sind.
Für Meekan zeigen die neuen Untersuchungen damit auch, dass der Erhalt der Tiere eine Herausforderung ist, wenn sie nicht stärker geschützt werden. Schon seit 2016 gelten die Walhaie als vom Aussterben bedrohte Tierart. (Frontiers in Marine Science, 2020; doi: 10.3389/fmars.2020.575683)
17. September 2020
- Anna Bolten