Konkret erfasste das Forscherteam dabei vier der neun planetaren Grenzen, die für die Landwirtschaft relevant sind: die Veränderung der Landnutzung, die Süßwassernutzung, die Nutzung von Kunstdünger und die Integrität der Biosphäre, also intakte Artenvielfalt und Ökosysteme. Auf Basis eines Computermodells ermittelten Gerten und seine Kollegen dann die Auswirkungen der Nahrungsmittelproduktion auf diese Grenzen.
Genug für zehn Milliarden
Die Auswertungen enthüllten: Aktuell geschieht fast die Hälfte der globalen Nahrungsmittelproduktion auf Kosten der planetaren Belastungsgrenzen. „Wir widmen zu viel Land der Tierhaltung und den Nutzpflanzen, düngen zu stark und bewässern übermäßig“, erklärt Gerten. Würden die Belastungsgrenzen der Erde dagegen strikt respektiert, könnte das Lebensmittelsystem in seiner heutigen Form nur 3,4 Milliarden Menschen ausgewogen ernähren, wie die Berechnungen ergaben.
Doch es gibt eine gute Nachricht: Veränderte Formen der Landwirtschaft und des Konsums könnten deutlich mehr Menschen satt machen, ohne das Erdsystem zu gefährden. „Solche Transformationen ermöglichen es, ausreichend Nahrung für bis zu zehn Milliarden Menschen bereitzustellen – das zeigt unsere Forschung“, betont Gerten.
Mehr Erträge auf nachhaltige Weise
Wie könnte dies konkret aussehen? „Wir stellen fest, dass die Landwirtschaft in vielen Regionen zu viel Wasser, Land oder Dünger verbraucht. Die Produktion in diesen Regionen sollte daher mit ökologischer Nachhaltigkeit in Einklang gebracht werden. In der Tat gibt es enorme Möglichkeiten, die landwirtschaftliche Produktion in diesen Regionen auf nachhaltige Weise zu steigern. Das gilt zum Beispiel für weite Teile Subsahara-Afrikas, wo ein effizienteres Wasser- und Nährstoffmanagement die Erträge stark verbessern könnte“, berichtet Gertens Kollege Johan Rockström.
An anderen Orten ist die Landwirtschaft jedoch so weit von den lokalen und planetaren Belastungsgrenzen entfernt, dass selbst nachhaltigere Systeme den Druck auf die Umwelt nicht vollständig ausgleichen könnten. Dies gilt den Forschern zufolge etwa für Teile des Nahen Ostens, Indonesiens und teilweise Mitteleuropa, die sich demnach nicht nachhaltig selbst versorgen können. Aus diesem Grund wird der Welthandel und eine sinnvolle Lebensmittelverteilung auch nach der Neuausrichtung ein Schlüsselelement einer nachhaltig ernährten Welt bleiben, wie sie betonen.
Weniger Fleisch essen
Doch auch die Verbraucher müssen ihren Beitrag leisten: Die Analysen bestätigen erneut, dass es ohne eine weitreichende Ernährungsumstellung nicht gehen wird. So wird es beispielsweise nötig sein, Teile des Konsums von Fleisch und anderen tierischen Proteinen durch mehr Hülsenfrüchte und anderes Gemüse zu ersetzen. Dies hatte auch schon der Weltklimarat IPCC in seinem jüngsten Sonderbericht zu Klimawandel und Landnutzung aufgezeigt.
„Veränderungen auf dem täglichen Speiseplan scheinen zunächst vielleicht schwer zu schlucken. Aber auf lange Sicht wird eine Ernährungsumstellung hin zu einem nachhaltigeren Mix auf dem Teller nicht nur dem Planeten, sondern auch der Gesundheit der Menschen zugutekommen“, sagt Gertens Kollegin Vera Heck.
Zu viel Verschwendung
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Reduzierung der Nahrungsmittelverluste: Wie die Wissenschaftler betonen, gehen derzeit bis zu 30 Prozent aller produzierten Lebensmittel allein durch Verschwendung verloren. „Diese Situation erfordert eindeutig entschlossene politische Maßnahmen, um Anreize sowohl auf Seiten der Produzenten als auch der Verbraucher zu setzen“, konstatiert Heck.
Die herausforderndste Konsequenz der Studie ist nach Ansicht der Forscher aber der nötige Wandel bei der Landnutzung, zum Beispiel durch die Umverteilung von Ackerland. „Alles, was mit dem Land zu tun hat, ist in der Praxis komplex und umstritten, weil die Lebensgrundlagen und Perspektiven der Menschen davon abhängen. Der Übergang zu einer nachhaltigeren Landnutzung und -bewirtschaftung ist daher eine anspruchsvolle Herausforderung für die Politik“, betont Gertens Kollege Wolfgang Lucht.
„Hierbei ist es entscheidend, dass die Menschen in den betroffenen Regionen klare Vorteile für sich erkennen können. Dann besteht eine echte Chance, dass die Unterstützung für diese Veränderungen schnell genug wächst, um das Erdsystem zu stabilisieren“, so sein Fazit. (Nature Sustainability, 2020; doi: 10.1038/s41893-019-0465-1)
Quelle: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
21. Januar 2020
- Daniela Albat