Radioaktive Strahlung bedeutet Zellstress und Schäden am Erbgut – normalerweise. Doch in der Sperrzone von Tschernobyl leben Vögel, die gegen diese Strahlenfolgen immun scheinen. Ihr Zellstoffwechsel hat sich im Laufe der mehr als 25 Jahre an die erhöhte Radioaktivität angepasst, wie Forscher herausfanden. Dies sei der erste Beleg für eine solche Strahlungs-Anpassung bei einem Wildtier, berichten sie im Fachmagazin „Functional Ecology“.
Die Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 hatte für weite Teile Osteuropas schwerwiegende Folgen. Die Explosion im Reaktorblock 4 setzte damals große Mengen leichtflüchtiger Radionuklide und Gase frei, die die gesamte Region um das Atomkraftwerk stark kontaminierten. Bis heute ist die rund 2.600 Quadratkilometer große Sperrzone das am stärksten radioaktiv verseuchte Gebiet weltweit. Welche Langzeitfolgen dies auf die dort lebenden Tiere und Pflanzen hat, ist bis heute nur in Teilen untersucht.
DNA-Brüche und aggressiver Zellstress
„Vorhergehende Studien an Wildtieren in Tschernobyl zeigten, dass eine chronische Strahlenexposition oxidative Schäden an den Zellen verstärkt und den Gehalt von Antioxidantien senkt“, erklärt Studienleiter Ismael Galván vom spanischen Forschungsrat CSIC. Fehlen jedoch die schützenden Antioxidantien, können die durch die Strahlung entstehenden aggressiven Moleküle DNA-Brüche auslösen und Fehlbildungen und Krebs nach sich ziehen. Diese Studien wurden aber bisher nur an zwei Vogelarten in der Region durchgeführt.
Galván und seine Kollegen haben nun erstmals den Zustand von 152 Vögeln aus 16 verschiedenen Arten in der Sperrzone und knapp außerhalb analysiert. Dafür fingen sie die Vögel mit ausgespannten Netzen kurz ein, entnahmen ihnen Blut und eine Federprobe und wogen sie. Anschließend ließen sie die Tiere wieder frei. Zu den untersuchten Arten gehören unter anderem Kohlmeisen, Buchfinken, Amseln, Singdrosseln, Rotkehlchen und Rauchschwalben. Die Blutproben der Tiere analysierten die Forscher auf DNA-Schäden hin, auf Anzeichen für oxidativen Stress und den Gehalt des Antioxidantiums Glutathion. Außerdem maßen sie die Radioaktivität an jedem Probenort.