Viren können eine Zelle infizieren, wenn sie an der Zelloberfläche spezifische Bindungsstellen finden. Wie dieses Andocken auf atomarer Ebene funktioniert, hat nun ein internationales Forscherteam für das Polyomavirus JCV enthüllt. Dazu wurde die atomare Struktur dieses Virus erstmals entschlüsselt – und das Andocken und damit die Infektion gezielt unterbunden, berichtet die Fachzeitschrift „Cell Host & Microbe“.
„Wir wissen sehr wenig darüber, wie Viren an Zellen binden und was sie danach machen“, sagt der Biochemiker Professor Thilo Stehle von der Universität Tübingen. Im Prinzip ist zwar bekannt, dass die Struktur des Virus und die Eigenschaften der Zelloberfläche zusammenpassen müssen, damit das Virus überhaupt erst einmal an der Zelle andocken kann. Dafür wird gerne das Bild vom Schlüssel verwendet, der in ein Schloss passen muss.
In Wirklichkeit, so der Forscher weiter, genügt aber ein einzelner Schlüssel meist nicht. Auf der Virusoberfläche finden sich meist mehrere Stellen, die an Zucker- oder Proteinmoleküle an der Zelloberfläche, die so genannten Rezeptoren, binden können. Anhand dieser Rezeptoren erkennt das Virus seine Wirtszellen, dockt an diese an und beginnt damit die Infektion.
Andocken mit atomarer Genauigkeit beschrieben
Stehle und seine Kollegen haben nun an einem konkreten Beispiel den Mechanismus des Andockens mit atomarer Genauigkeit beschrieben. Sie entschlüsselten dazu die atomare Struktur des Hüllproteins des beim Menschen sehr verbreiteten JC-Virus, das zur Familie der Polyomaviren gehört, und beschrieben damit zum ersten Mal überhaupt die atomare Struktur eines den Menschen befallenden Polyomavirus.