Ob Elefant, Walross oder Warzenschwein: Echte Stoßzähne gibt es bei einigen Säugetieren – aber merkwürdigerweise bei keinem anderen Tier. Warum das so ist und wie sich die Stoßzähne entwickelt haben, haben Forscher nun mithilfe von mehr als 200 Millionen Jahre alten Fossilien aufgeklärt. Demnach waren säugetierähnlichen Reptilien aus der Gruppe der Dicynodontia die ersten, die aus normalen Zähnen Stoßzähne entwickelten.
Sie lebten vor 270 bis 201 Millionen Jahren und ähnelten tatzenbewehrten Schweinen mit Schildkrötenkopf: Die pflanzenfressenden Dicynodontia waren zwar noch Reptilien, hatten aber schon einige Merkmale der Säugetiere entwickelt – ihren späteren Nachfahren. Dazu gehörten auch prominente Zähne: Obwohl diese Tiere ansonsten nur eine schnabelähnliche Kauleiste besaßen, trugen sie im Oberkiefer lange, nach unten aus dem Maul herausragende Eckzähne. Ihnen verdanken sie auch ihren Namen, der griechisch „zwei Hundezähne“ bedeutet.

Was macht einen echten Stoßzahn aus?
Diese auffallenden Dicynodontia-Zähne weckten bei Megan Whitney von der Harvard University und ihren Kollegen die Frage, ob es sich dabei womöglich um die ersten echten Stoßzähne im Tierreich handeln könnte. „Dafür mussten wir aber erst einmal genau definieren, was einen Stoßzahn eigentlich ausmacht – denn dieser Begriff wird sehr unterschiedlich verwendet“, sagt Whitney. Denn wie sie erklärt, ist längst nicht jeder vergrößerte Eckzahn auch ein Stoßzahn.
Um als echter Stoßzahn zu gelten, muss ein Zahn demnach vier Merkmale aufweisen: Er muss kontinuierlich und lebenslang weiterwachsen, was beispielsweise die verlängerten Eckzähne von Hunden oder Katzen nicht tun. Er muss aus dem Maul herausragen. Er darf nicht fest im Kieferknochen verankert sein, sondern muss über Bänder mit ihm verbunden sein. Und schließlich darf der Stoßzahn nicht komplett mit hartem Zahnschmelz überzogen sein. Stattdessen muss seine Oberfläche primär aus Dentin bestehen, einem Material, das sich anders als der mineralische Zahnschmelz ständig erneuern kann.