Komplett ferngesteuert – oder doch nicht? Deutsche Psychologen haben eine neue Hypothese zum freien Willen formuliert. Darin stellen sie klar: Die menschliche Willensfreiheit und das bislang wichtigste Gegen-Experiment dazu müssen sich nicht widersprechen – wenn man die Ergebnisse anders interpretiert. Demnach seien die typischen Hirnsignale, die schon lange vor einer bewussten Entscheidung messbar sind, nicht der Auslöser von Entscheidung und Handlung. Sie erleichterten die Wahl lediglich.
Wie frei sind wir in unseren Entscheidungen? Werden wir von unserem Gehirn womöglich nur ferngesteuert? Diese Frage beschäftigt Hirnforscher, Psychologen und Philosophen schon seit den 1980er Jahren. Damals zeigte das berühmte Experiment des Physiologen Benjamin Libet, dass unsere Handlungen schon lange vor der bewussten Entscheidung im Gehirn angelegt zu sein scheinen. Denn noch bevor wir uns bewusst sind, wie unsere Wahl ausfallen wird, aktiviert das Gehirn spezifische Schaltkreise für eine der beiden Möglichkeiten.
Dieses frühe sogenannte Bereitschaftspotenzial galt Libet und vielen anderen als eindeutiger Beleg: Das subjektive Gefühl der freien Willensentscheidung sei eine Illusion. Seitdem haben Forscher jedoch auch immer wieder Hinweise dafür gefunden, dass die menschliche Willensfreiheit doch nicht so eingeschränkt ist wie Libets Ergebnisse vermuten lassen. So können wir eine vorab gefällte Entscheidung etwa bis zu einem gewissen Punkt noch bewusst umstoßen.
Negatives Hirnsignal als Auslöser?
Auch die Psychologen um Stefan Schmidt vom Universitätsklinikum Freiburg sind sich sicher, dass unser Wille freier ist als gedacht. Sie haben nun eine alternative Erklärung für Libets Beobachtungen formuliert und zu diesem Zweck vorhandene Studien zu dem Thema ausgewertet sowie eigene Untersuchungen durchgeführt.