Evolution

Was grabende Säugetiere zu Überlebenden macht

Leben im Erdreich begünstigte wahrscheinlich den Siegeszug der Säugetiere

Riesenmaulwurfsratte
Grabende Säugetiere wie diese Riesenmaulwurfsratte haben während Katastrophen häufig bessere Überlebenschancen. © Stefan Pinkert

Rettung unter der Erde: Hätten unsere frühen Säugetiervorfahren keine unterirdischen Bauten angelegt, gäbe es uns heute womöglich nicht. Denn ein grabender Lebensstil ist perfekt für widriges und stark schwankendes Klima geeignet. Er ließ unsere Vorfahren zum Beispiel die Kältephase nach dem Asteroideneinschlag vor 66 Millionen Jahren überleben. Noch heute sind grabende Säugetiere besonders in kargen Gegenden verbreitet und erfüllen dort wichtige Funktionen für das Ökosystem, wie Forschende berichten.

Im Laufe der Zeit haben Säugetiere eine große Vielfalt an Lebensräumen erschlossen. So leben Faultiere und Koalas etwa auf Bäumen, Fledermäuse haben die Lüfte erobert und Wale und Delfine bevölkern die Ozeane. Ein weiterer, in der Forschung allerdings häufig stiefmütterlich behandelter Lebensraum ist das Erdreich. Vom Murmeltier über die Wühlmaus bis hin zum Maulwurf und Fuchs graben zahlreiche Säugetiere unterirdische Bauten und verbringen zumindest Teile ihres Lebens darin.

Maulwurf
Mindestens 40 Prozent aller Landsäugetiere leben grabend. © pavlinec/ Getty Images

Tierischen Gräbern auf der Spur

Wie viele Säugetiere einen solchen grabenden Lebensstil führen, in welchen Weltregionen diese am häufigsten vorkommen und welche Vorteile das Leben unter Tage mit sich bringt, haben nun Forschende um Stefan Pinkert von der Universität Marburg untersucht. Dafür analysierten sie die Lebensweise und Verbreitung von über 4.400 Säugetierarten weltweit sowie deren Diversifikation im Verlauf der Evolutionsgeschichte.

Das Ergebnis: Mindestens 40 Prozent aller heutigen Landsäugetiere – ohne Berücksichtigung der Fledermäuse – leben grabend, wie das Team herausgefunden hat. „Der Untergrund bietet Schutz vor Prädatoren, am Tag und während der Winterruhe, aber auch in widrigem und stark schwankendem Klima“, erklärt Pinkert. Es verwundert daher nicht, dass grabende Tiere laut Analyse überdurchschnittlich artenreich in kalten sowie in wenig produktiven Klimazonen wie Wüsten oder dem Hochland vorkommen.

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Bei nicht-grabenden Säugetieren ist es genau anders herum. Sie tummeln sich vor allem in wärmeren, produktiven Gebieten mit geringen saisonalen Schwankungen, wie die Forschenden berichten. So ist die Artenvielfalt der Nicht-Gräber rund um den Äquator am höchsten, vor allem in tropischen Regenwäldern, während grabende Tiere in höheren Breitengraden am vielfältigsten sind – sowohl in der nördlichen als auch in der südlichen Hemisphäre.

Verbreitung grabender und nicht-grabender Säugetiere
Nicht-grabende Säugetiere (rechts) ballen sind rund um den Äquator, grabende (links) in höheren Breitengraden. © Pinkert et al./ Current Biology, 2025 /CC-by 4.0

Wer gräbt, der überlebt

Der Hang zum Graben ist dabei wahrscheinlich schon sehr früh in der Entwicklungsgeschichte der Säugetiere entstanden, wie Pinkert und seine Kollegen erklären. Die ersten Säugetiere waren noch überwiegend klein und spitzmausähnlich und lebten im Schatten der Dinosaurier. Um den gewaltigen Raubtieren zu entgehen, wichen sie zunächst aufs schützende Erdreich aus und waren überwiegend nachtaktiv.

Dieses vorsichtige Verhalten zahlte sich jedoch nicht nur während der Herrschaft der Dinosaurier aus, sondern auch, als diese durch den Asteroideneinschlag vor 66 Millionen Jahren ein jähes Ende fand. Denn auf die verheerende Kollision folgte ein jahrelanger Impaktwinter, der einen erheblichen Kälteschub mit sich brachte.

Umweltextreme als Evolutionsmotor

Während nicht-grabende Tiere diese globale Abkühlung und den damit einhergehenden Nahrungsmangel häufig mit dem Leben bezahlten, gediehen grabende Säugetiere regelrecht, wie die Analysen von Pinkert und seinem Team ergaben. Während dieser herausfordernden Zeit überlebten die Gräber des Tierreichs demnach nicht einfach nur, sondern bildeten zahlreiche neue Arten und Linien. Damit legten sie die Grundlage für den weltweiten Siegeszug der Säugetiere.

Besonders stark war die Diversifizierungsrate auch im frühen und mittleren Eozän vor 56 bis 38 Millionen Jahren – ebenfalls eine Zeit extremer Umweltveränderungen. Damals entfielen 88 bis 94 Prozent aller Abspaltungen bei Landsäugetieren – ausgenommen wieder die Fledermäuse – auf grabende Abstammungslinien, wie die Forschende herausgefunden haben.

Auch andere profitieren

Doch ihr besonderer Lebensstil kommt nicht nur den grabenden Säugetieren selbst zugute. „Viele von ihnen sind von entscheidender Bedeutung für terrestrische Ökosysteme der Erde. Als Ökosystem-Ingenieure verbessert ihre Grabaktivität die Bodenstruktur, beeinflusst Wasserflüsse und schafft Rückzugsorte für zahlreiche andere Arten“, erklärt Seniorautorin Nina Farwig.

Grabende Säugetiere könnten damit auch eine wichtige Rolle bei der Widerstandsfähigkeit von Landschaften gegenüber dem Klimawandel spielen, was sie besonders schützenswert machen würde. (Current Biology, 2025; doi: 10.1016/j.cub.2025.02.064)

Quelle: Philipps-Universität Marburg

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