Charaktere, Interaktionen und Emotionen
Das von Fogli und seinen Kollegen entwickelte Computersystem ging die Traumberichte Satz für Satz durch und extrahierte anhand von Wortwahl, Grammatik und Kontext zunächst, wer die Akteure waren – ob Mann oder Frau, lebender Mensch oder Geist/Fantasiewesen. Dann ermittelte der Algorithmus auf Basis der verwendeten Verben, welcher Natur die Interaktionen der Handelnden sind – freundlich, aggressiv oder sexuell.
Als letztes bewertete das Programm die in den Berichten verwendeten Wörter in Bezug auf ihren emotionalen Gehalt. Auf Basis eines speziellen Emotions-Lexikons stufte es die Trauminhalte nach den Grundgefühlen Ärger, Angst, Spannung, Vertrauen, Überraschung, Trauer, Freude und Ekel ein. Um die Zuverlässigkeit des Tools einzustufen zu können, verglichen die Forscher einen Teil seiner Analysen mit der einiger ausgebildeter Schlafforscher und Psychologen. „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass solche Technologien wichtige Aspekte von Träumen erfassen und quantifizieren können“, sagt Fogli.
Setzen sich Unterschiede im Alltag bis in den Traum fort?
Dann folgte die eigentliche Untersuchung: Auf Basis dieser automatisierten Analyse untersuchten die Wissenschaftler, ob sich in den Trauminhalten Hinweise darauf finden, dass die „Kontinuitäts-Hypothese“ zutrifft. Sie geht davon aus, dass wir im Traum unsere alltäglichen Erfahrungen verarbeiten und weiterleben.
„Unser Alltag ist von einer Vielzahl von Faktoren geprägt, dazu gehören unser Geschlecht, die aktuelle Lebensphase, tiefgreifende Erlebnisse oder auch die Erfahrung alltäglicher Gewalt“, erklären die Forscher. Wenn die Kontinuitäts-Hypothese zutrifft, müssten sich demnach Träume von Frauen systematisch von denen der Männer unterscheiden, die von Jugendlichen von denen Erwachsener oder auch die eines Kriegsveteranen von denen eines Menschen, der nie beim Militär war. Genau das haben Fogli und sein Team mithilfe ihrer Software überprüft.
Männer träumen anders als Frauen
Das Ergebnis: Die Träume von Männern und Frauen unterscheiden sich tatsächlich in einigen grundlegenden Aspekten. „Männerträume enthalten mehr Kennzeichen der Aggression und mehr negative Emotionen“, berichten die Forscher. „Frauen dagegen berichten häufiger über positive Gefühle und freundliche Interaktionen der Traumcharaktere.“
Nach Ansicht von Fogli und seinem Team spiegelt dies durchaus die durchschnittlichen Alltagserfahrungen der beiden Geschlechter wider: „Ähnlich wie im richtigen Leben neigen Frauen dazu, freundlicher und weniger aggressiv zu sein als Männer“, erklären sie. Demgegenüber spiegeln die Trauminhalte Heranwachsender häufig ihren Übergang vom Kind zum Erwachsenen wieder: „Izzy erlebte als Teenager im Traum viele negative Emotionen, später spielten sexuelle Interaktionen eine immer größere Rolle“, schildern die Forscher ein Beispiel.
Resultate spreche für die Kontinuitäts-Hypothese
Während diese Tendenzen bei der Analyse nur einzelner Traumberichte oft noch nicht deutlich werden, lassen sie sich durch die Auswertung großer Mengen an Traumberichten besser vergleichen und quantifizieren. Die große Datenbasis erleichtert es somit, solche Aspekte zu erkennen, wie die Wissenschaftler erklären. Sie schließen aus ihren Ergebnissen, dass die Hypothese einer Fortsetzung der Alltagserfahrungen bis in den Traum hinein zutrifft.
„Unsere Resultate stützen die Idee, dass es eine Kontinuität zwischen dem gibt, was eine Person tagsüber im echten Leben erfährt und was sie träumt“, so Fogli und seine Kollegen. (Royal Society Open Science, 2020; doi: 10.1098/rsos.192080)
Quelle: Royal Society
26. August 2020
- Nadja Podbregar