Während der letzten zehn Jahre hat Peter Jäger 200 neue Spinnenarten am Senckenberg Forschungsinstitut untersucht und beschrieben. Die Evolution hat eine bunte Artenvielfalt hervorgebracht. Deutlich wird, dass jede einzelne Art sich – gleich einem Puzzle – passgenau in eine Nische ihres Lebensraums fügt und dort auch spezifische Aufgaben erfüllt. Grobe Eingriffe in die Natur bringen die fein aufeinander abgestimmten Systeme aus der Balance und haben für die Lebensgemeinschaft von Tieren und Pflanzen ernste Konsequenzen, die letztlich auch unsere eigene Existenz bedrohen.
„Mit der Zerstörung ganzer Landstriche gehen nicht nur grüne Biotope und einzelne Arten, sondern ganze Genpools unwiederbringlich verloren“, betont der Senckenberg-Wissenschaftler. Schlangengifte, die bei der Herstellung von Herzmedikamenten Verwendung finden oder das Extrakt aus dem ‚Madagaskar Immergrün‘, das Leukämie bei Kindern bekämpft, sind Beispiele für die Nutzung
natürlicher Ressourcen.
Nur 1,8 von 20 Millionen
Die Beschreibung von Arten, ob es nun Riesenkrabbenspinnen oder sonstige Tiere und Pflanzen sind, ist eine Voraussetzung für ein besseres Verständnis des Ganzen. Die Zahl der Organismen wird auf 20 Millionen geschätzt. Bekannt sind davon bisher nur etwa 1,8 Millionen Arten. Trotz eifriger Forschung weiß man aber noch immer nicht, wie das Gesamtkunstwerk Natur funktioniert und wie die verschiedenen Prozesse ineinander greifen. Jäger widmet die neu beschriebenen Arten bekannten Personen des öffentlichen Lebens, die ihn beeindrucken, amüsieren und zum Nachdenken anregen. Genau wie die Spinnen begleiten diese sein Leben; durch sie will er den Blick auf die Bedeutung der Arten lenken.
Von Jakob von Uexküll bis David Dowie
Dass eine Spinne aus Bali nun für alle Zeiten den Namen Heteropoda uexkuelli trägt, steht im Zusammenhang mit der Weltklimakonferenz, der ähnliche Ziele verfolgt wie der von Jakob von Uexküll gegründete Weltzukunftsrat. Auch die nach Ernst Ulrich von Weizsäcker benannte Art kommt von den indonesischen Inseln. Anlass für die besondere Widmung ist das Engagement des Naturwissenschaftlers und Politikers für ein ökologisch nachhaltiges Handeln.
Ein Achtbeiner von Ambon, der Hauptinsel der Molukken, ist Dieter Hildebrandt gewidmet. Mit dem Namen Heteropoda hildebrandti wird der Polit-Kabarettist als das „moralische Gewissen“ der Nation geehrt. Heteropoda richlingi verdankt ihren Namen der Sprachakrobatik, mit der Mathias Richling seine Bestandsaufnahmen der Gegenwart spickt und Zeitgenossen ebenso scharf wie sinnig parodiert.
Heteropoda udolindenberg, eine rötlich-braune Spinne aus Bukittinggi auf Sumatra, ist dem Umweltaktivisten, Weltverbesserer und erfolgreichen Rocker gewidmet. Die Heimat der Spinne, die nach dem Comedian Helge Schneider benannt wurde, liegt am Berg Jianfengling in der chinesischen Provinz Hainan. Kontrastreich wie ihr Namenspate David Bowie wirkt Heteropoda davidbowie. Markant hebt sich die ausgeprägte Zeichnung des Gesichts von der leuchtend gelben Grundfärbung der in Malaysia beheimateten Spinne ab. Aus Malaysia stammt auch Heteropoda ninahagen, die der Spinnenforscher der Punk-Sängerin Nina Hagen widmet.
Auch der „dumme Mensch“ ist Namenspate
Eine der weiteren 17 neu beschriebenen Spinnenarten heißt nicht ohne Grund Heteropoda homstu. Der Name ist von dem lateinischen Begriff „homo stultus“ abgeleitet, was soviel bedeutet wie „dummer Mensch“.Denn der vermeintliche Fortschritt, der der kontinuierlich wachsenden Bevölkerung mehr Jobs, mehr Geld und bessere Verkehrswege bringen soll, ist nicht nur in Asien die Säge am Ast, auf dem wir alle sitzen.“Wenn wir das Wettrennen gegen die Zerstörung der Natur gewinnen wollen, müssen neue Potenziale geschaffen werden“, sagt der Wissenschaftler, dem die Zeit unter den Nägeln brennt.Deshalb enthält der Name von Heteropoda duan das laotische Wort für dringlich.
„Die Menschenfamilie ist ein Panoptikum bunter und skurriler Zeitgenossen“, hat Udo Lindenberg mal gesagt. Weiter heißt es:“Farbenfroh, detailreich und voller neuer Perspektiven.“ Dass auch die Arten der „Familie“ Riesenkrabbenspinnen aus den verschiedenen Regionen Asiens farbig und detailreich sind, hat Peter Jäger in seiner Publikation beschrieben. Ob die Perspektiven für sie und uns alle gut sind oder zum „Grande Finale“ führen, liegt weitgehend in der Hand des Menschen.
(Senckenberg Forschungsinstitute und Naturmuseen, 17.07.2009 – NPO)
17. Juli 2009