Vor 525 Millionen Jahren kippte plötzlich der gesamte Südkontinent Gondwana um 60 Grad zur Seite – und dies mit einer in der Erdgeschichte einmaligen Geschwindigkeit. Das enthüllt eine jetzt in „Geology“ veröffentlichte Studie amerikanischer Geologen. Ihrer Ansicht nach könnte eine Polverschiebung, die plötzliche Verlagerung der gesamten festen Erdhülle verursacht haben. Sollte sich dies bestätigen, wäre es der erste Beweis für die Existenz dieses bisher umstrittenen Phänomens. In jedem Fall aber hatte die Drehung schwerwiegende Auswirkungen für die sich zu diesem Zeitpunkt explosionsartig entwickelnde Lebenswelt.
Vor etwa 540 Millionen Jahren, im frühen Kambrium, explodierte die Artenvielfalt der Erde förmlich: Die ersten Mehrzeller entwickelten sich innerhalb kürzester Zeit zu vielen verschiedenartigen Tier- und Pflanzengruppen und schufen so die Basis vieler noch heute erhaltener Baupläne der Lebensformen. In dieser Zeit bildeten fast alle Kontinente eine große Landmasse um den Südpol herum, den Südkontinent Gondwana. Er erstreckte sich teilweise bis zum Äquator der Erde und darüber hinaus. Nur Teile des heutigen Nordamerika, Sibirien und Nordeuropa bildeten drei kleinere, von Gondwana getrennte Kontinente.
Jetzt hat ein Team von Geologen der amerikanischen Yale Universität aufgedeckt, dass just in jener Zeit die gesamte Landmasse Gondwanas eine dramatische Veränderung durchmachte. Sie könnte auch die Entwicklung des Lebens entscheidend beeinflusst haben. Die Forscher stießen darauf, als sie die Magnetisierung von Gesteinen aus dieser Ära im Amadeusbecken in Zentralaustralien untersuchten. Wenn Gestein an die Oberfläche kommt und dort erstarrt, konservieren metallische Partikel in ihm die gerade an diesen Ort herrschende Richtung der Magnetfeldlinien.
Drehung des gesamten Riesenkontinents
Im Falle der Amadeusbecken-Gesteine, die zur Zeit des frühen Kambrium erstarrten, entdeckten die Geologen Erstaunliches: Die Magnetisierung änderte sich vor rund 525 Millionen Jahren innerhalb kürzester Zeit um 60 Grad. Demnach muss der gesamte Kontinent Gondwana, in dessen Landmasse diese Gesteine früher lagen, sich damals plötzlich um 60° gedreht haben. Weiterführende Messungen enthüllten, dass diese Rotation mit einer Geschwindigkeit von 16 Zentimentern pro Jahr, möglicherweise sogar noch mehr stattfand – nach geologischen Maßstäben gerade rasend schnell. Die schnellsten Bewegungen der Erdkruste, die heute bekannt sind, liegen bei rund vier Zentimetern pro Jahr.