Der Galaxienhaufen Abell 2744 hat eine komplizierte und gewaltsame Vergangenheit hinter sich: Denn er entstand durch eine 350 Millionen Jahre dauernde Serie von Kollisionen von gleich vier verschiedenen Galaxienhaufen, wie ein internationales Wissenschaftlerteam jetzt herausfand. Die ungewöhnliche Verteilung der Materie im Haufen gibt den Astronomen wichtige Hinweise auf die Eigenschaften der Dunklen Materie, und auch darauf wie die verschiedenen Materieformen im Universum miteinander wechselwirken.
Galaxienhaufen sind die größten Strukturen im Kosmos. Sie enthalten viele Billionen Sterne. Die Art und Weise, auf die sie entstehen und sich dann durch aufeinander folgende Kollisionen weiter entwickeln, ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Universums. Das Durcheinander, das ein Zusammenstoß von großen Galaxienhaufen hinterlässt, stellt für Astronomen daher eine wahre Fundgrube an Informationen über den Verlauf solcher Ereignisse dar. Für Abell 2744, eines der außergewöhnlichsten und komplexesten Systeme von kollidierenden Haufen am gesamten Himmel, ist es nun einem internationalen Astronomenteam gelungen, den genauen Ablauf des 350 Millionen Jahre dauernden Zusammenstoßes zu rekonstruieren.
Kosmische „Trümmerstücke“ analysiert
Durch die Kombination von Daten des Very Large Telescope (VLT) der ESO, des japanischen Subaru-Teleskops, des Hubble-Weltraumteleskops von ESA und NASA sowie des NASA-Röntgensatelliten Chandra konnte Abell 2744 jetzt detaillierter untersucht werden als jemals zuvor. „Genau wie ein Unfallsachverständiger, der die Trümmerstücke wieder zusammensetzt, um die Unfallursache zu finden, können wir mit Beobachtungen solcher kosmischen Massenkarambolagen den Ereignissen auf die Spur zu kommen, die sich über hunderte von Millionen Jahren hinweg während des Zusammenstoßes abgespielt haben. So können wir entschlüsseln, wie sich große Strukturen im Universum bilden und wie verschiedene Arten von Materie wechselwirken, wenn sie miteinander kollidieren”, erklärt Julian Merten vom Heidelberger Zentrum für Astronomie.
Materieverteilung verrät Kollisionsablauf
„Wir haben dem Haufen den Spitznamen “Pandoras Galaxienhaufen” gegeben, weil durch die Kollision so viele verschiedene und teilweise seltsame Phänomene ausgelöst wurden”, fügt Renato Dupke hinzu, ein weiterer an der Studie beteiligter Astronom. Die einzelnen Galaxien des Haufens sind in den VLT- und Hubble-Aufnahmen deutlich zu erkennen. Sie machen allerdings – trotz ihrer imposanten Erscheinung – lediglich fünf Prozent von dessen Gesamtmasse aus. Der Rest besteht zu etwa 20 Prozent aus Gas, das so heiß ist, dass es nur im Röntgenbereich zu sehen ist, und zu etwa 75 Prozent aus Dunkler Materie, die komplett unsichtbar ist. Um den Ablauf der Kollision zu verstehen, mussten die Wissenschaftler die Verteilung dieser drei Materiearten in Abell 2744 genau kartieren.