Anders als frühere Studien erfassten die Forscherinnen dabei auch Sterne und Planetensysteme, die in den letzten 5.000 Jahren oder einem ebenso langen Zeitraum in der Zukunft einen „Logenplatz mit Erdblick“ hatten oder haben werden. „Weil sich die Sterne in unserem dynamischen Kosmos bewegen, können sie in die Sichtlinie wandern, sie aber auch wieder verlieren“, so Kaltenegger.
1.402 „Logenplätze“ mit Erdblick
Das Ergebnis: 1.402 Sterne haben momentan eine freie Sicht auf den Erdtransit. Wenn es um sie Planeten mit außerirdischen Bewohnern gibt, könnten sie unseren Planeten durch dessen Passage vor der Sonne entdecken. Unter diesen „Logenplätzen“ sind 128 sonnenähnliche Sterne und 1.050 Sterne der Spektralklasse M – Rote Zwerge und Rote Riesen, wie die Forscherinnen berichten. Weitere 313 Sterne haben die Erdtransitzone schon wieder verlassen, 319 werden erst in der Zukunft in den Genuss des Erdblicks kommen.
Unter den zurzeit günstig stehenden Sternen sind allerdings erst sieben Systeme mit Planeten bekannt. Uns am nächsten liegt der elf Lichtjahre entfernte Rote Zwerg Ross 128 mit einem erdähnlichen Exoplaneten. Seine Bewohner – so es sie denn gibt – hätten den Erdtransit bis vor rund 900 Jahren sehen können. Die beiden Planeten um den zwölf Lichtjahre entfernten Teegardens Stern kommen dagegen erst in 29 Jahren in die Sichtlinie.
Noch etwas länger dauert es, bis der gut 40 Lichtjahre entfernte Stern TRAPPIST-1 mit seinen sieben Exoplaneten freien Blick auf den Erdtransit bekommt: Sie treten erst in 1.642 Jahren in die Erdtransitzone ein, bleiben dann aber 2.371 Jahre lang in der „ersten Reihe“.
Freie Sicht und irdische Radiosignale
Interessant auch: 46 Sterne liegen momentan sowohl in der Erdtranszone als auch in einem Umkreis von bis zu 100 Lichtjahren. „Diese 46 Objekte könnten die Passage der Erde von der Sonne beobachten und wären gleichzeitig in der Lage, Radiowellen von der Erde einzufangen“, berichten Kaltenegger und Faherty. Denn die seit rund 100 Jahren von der Menschheit ausgesendeten Funksprüche und Radiosendungen, haben sich seither etwa bis in 100 Lichtjahre Entfernung ausgebreitet.
Ausgehend von Schätzungen zur Planetenhäufigkeit um verschiedene Sternentypen könnte das bedeuten, das zurzeit rund 29 potenziell lebensfreundliche Planeten in der richtigen Position stehen, um sowohl die Erde als auch die Radiowellen der Menschheit zu detektieren, so die Astronominnen. Verzichtet man auf den Erdblick, gibt es immerhin 75 nahe Sterne und ihre potenziellen Trabanten, die die menschlichen Radiosignale empfangen könnten.
Genug Zeit für außerirdische Astronomen
Sollte auf einem der Sterne in der Sichtzone außerirdische Astronomen geben, hätten sie reichlich Zeit, den Erdtransit zu bemerken. Denn im Schnitt bleibt ein Stern gut 1.000 Jahre im Sichtfeld des Erdtransits, wie die Astronominnen ermittelt haben. Umgekehrt bleiben auch die meisten Transits von Exoplaneten für uns lange sichtbar. Gerade bei nahen Sternen weckt dies die Hoffnung, anhand der Spektralsignaturen beim Transit molekulare Indizien auf Leben zu finden – beispielsweise in Form eines auffallend hohen Sauerstoffgehalts wie bei der Erdatmosphäre.
Astronomen hoffen, dass das Ende 2021 ins All startende James-Webb-Weltraumteleskop einige nahe Exoplaneten und ihre Atmosphären näher in Augenschein nehmen kann. „Man kann sich vorstellen, dass Zivilisationen jenseits der Erde ähnliche Beobachtungen für uns und das Sonnensystem planen“, sagt Faherty. Ob es solche intelligenten Außerirdischen jedoch gibt und ob sie schon ihre Teleskope auf die Erde gerichtet haben, ist bislang offen. (Nature, 2021; doi: 10.1038/s41586-021-03596-y)
Quelle: Cornell University
24. Juni 2021
- Nadja Podbregar