Impf-Antikörper sind stärker auf die Bindungsstelle fokussiert
Es zeigten sich deutliche Unterschiede: Während die Antikörper der Genesenen relativ breit verteilt am Spike-Protein andockten, konzentrierten sich die Impf-Antikörper auf die Rezeptor-Bindungsdomäne (RBD) des viralen Proteins. 90 Prozent der Antikörper dockten im Test dort an. „Die neutralisierende Wirkung der Vakzin-Seren ist demnach fokussierter als die der Genesenen“, berichten die Forschenden.
„Das ist überraschend, weil man bisher dachte, dass Impfstoffe mit dem gesamten Spike-Proteincode auch neutralisierende Antikörper gegen Subdomänen außerhalb der Bindungsstelle erzeugen – das galt als wichtiger Vorteil solcher Vakzine“, erklären Greaney und ihre Kollegen. Denn eine möglichst breit gestreute Auswahl verschiedener Antikörper macht die Immunreaktion auch unempfindlicher gegenüber kleinere Veränderungen am viralen Protein – beispielsweise durch eine Mutation.
„Auf den ersten Blick scheint die Fokussierung der neutralisierenden Impfseren auf die Bindungsdomäne daher die Anfälligkeit gegenüber Virus-Mutationen zu erhöhen“, so die Forschenden.
Trotzdem robuster gegenüber Mutationen
Ob das wirklich der Fall ist, untersuchten Greaney und ihr Team mit einem weiteren Neutralisationstest. Für diesen nutzten sie gut 3.800 im Labor erzeugte Versionen des viralen Spike-Proteins, bei denen durch Mutationen jeweils einzelne Aminosäuren in der Rezeptor-Bindungsdomäne ausgetauscht oder entfernt waren.
Das überraschende Ergebnis: Entgegen den Erwartungen reagierten die Genesenen-Antikörper sensibler auf die Mutationen als die Impf-Antikörper. Schon der Austausch nur einer Aminosäure hemmte ihre neutralisierende Wirkung teilweise deutlich, wie das Team berichtet. Die Antikörper der Geimpften reagierten dagegen deutlich robuster: Sie zeigten kaum Einbußen ihrer Wirksamkeit und wurden auch von Mutationen in Schlüsselpositionen des Proteins wenig behindert.
„Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass die Impfung entweder Antikörper produziert, die breiter über Ansatzstellen an der gesamten Bindungsdomäne des Spike-Proteins gestreut sind, oder aber, dass die einzelnen Impf-Antikörper robuster gegenüber solchen Mutationen sind“, konstatieren Greaney und ihre Kollegen. Auf Basis ihrer Tests vermuten sie jedoch, dass die Impf-Antikörper ein breiteres Spektrum an Ansatzstellen zeigen.
Wie kommen die Unterschiede zustande?
Aber wodurch werden diese Unterschiede zwischen den Antikörpern der Genesenen und Geimpften verursacht? Bisher können auch die Forschenden darüber nur spekulieren. Eine mögliche Erklärung wäre die Art, wie das virale Protein dem Immunsystem präsentiert wird: „Der Impfstoff kodiert eine stabilisierte Form des Spike-Proteins, die einige Epitope in leicht anderer Konfiguration präsentieren könnte“, so das Team. Als Epitop bezeichnen Immunologen die Molekülstrukturen, an die die Antikörper binden.
Denkbar wäre aber auch, dass die Verabreichung des Impfstoffs in zwei Dosen eine Rolle spielt: Anders als bei der natürlichen Infektion wird das Immunsystem dadurch zweimal in zeitlichem Abstand mit dem Spike-Protein konfrontiert. Auch das könnte nach Ansicht der Wissenschaftler das Antikörperspektrum beeinflussen.
Was bedeutet dies für die Pandemie?
Zusammengenommen legen diese Ergebnisse nahe, dass der Immunschutz durch die Impfstoffe robuster gegenüber Mutationen sein könnte als allgemein befürchtet. Einzelne Veränderungen am Spike-Protein von SARS-CoV-2 scheinen die neutralisierende Wirkung wenig zu hemmen. Das passt auch zu Tests, nach denen die Vakzinen bisher auch gegen die zurzeit kursierenden Coronavirus-Varianten wirken, darunter die bei uns bereits dominierende Form B.1.1.7 oder die in Indien besonders stark grassierende Variante B.1.617.
Gleichzeitig unterstreichen die Resultate aber auch, dass man Genesene und Geimpfte in Bezug auf ihren Immunschutz nicht in einen Topf werden sollte. Denn sie sind möglicherweise nicht gleich gut gegenüber Mutanten von SARS-CoV-2 geschützt und auch das Risiko für eine Reinfektion oder die Dauer des Immunschutzes könnten abweichen. In jedem Falle sollte dies bei entsprechenden Studien berücksichtigt werden, so die Forschenden. (Science Translational Medicine, 2021; doi: 10.1126/scitranslmed.abi9915)
Quelle: Science AAAS
10. Juni 2021
- Nadja Podbregar