Neurale Stammzellen als Heilungshelfer
Die Idee der Forscher: noch wandelbare neurale Vorläuferzellen in das Rückenmark einzuschleusen, damit sie dort die MS-bedingten Schäden reparieren können. Um den Effekt dieser Stammzell-Therapie zu testen, infizierten sie Mäuse mit einem Virus, das MS-ähnliche Schäden verursacht. Typischerweise leiden die Tiere dadurch an fortschreitender Schwäche und Lähmungen und können nach kurzer Zeit nicht mehr laufen.
In ihrem aktuellen Versuch verabreichten die Wissenschaftler den erkrankten Mäusen in Kultur gezüchtete menschliche neurale Stammzellen – eigentlich ein Routineversuch, von dem sie sich nur wenig erhofften. Denn normalerweise werden diese fremden Stammzellen vom Körper der Mäuse schnell wieder abgestoßen.
Überraschende Heilung
Doch es geschah Überraschendes: „Als wir diese Zellen in die gelähmten Mäuse transplantierten, standen sie wenige Wochen später auf und begannen umherzulaufen“, berichtet Loring. „Ich konnte erst nicht glauben, dass es sich um die gleichen Tiere handelte.“ Schon 10 bis 14 Tage nach der Stammzell-Behandlung erlangten die kranken Mäuse die Kontrolle über ihre Muskeln wieder, nach wenigen Monaten schienen sie komplett geheilt und zeigten auch keine Anzeichen für ein neuerliches Ausbrechen der Symptome, wie die Forscher beobachteten.
Das Erstaunliche daran: Zum Zeitpunkt der Besserung hatte der Körper der Mäuse die fremden Stammzellen längst abgestoßen. Trotzdem hielt der heilende Effekt an. Nach Ansicht der Forscher deutet dies darauf hin, dass nicht die Stammzellen selbst die Besserung herbeiführen, sondern bestimmte Substanzen, die sie abgeben. „Nachdem die menschlichen Stammzellen den ersten Dominostein umgeworfen haben, können sie entfernt werden und der Prozess geht weiter, weil sie eine ganze Kaskade von Ereignissen angestoßen haben“, erklärt Ron Coleman von der University of California in Irvine, einer der beiden Erstautoren der Studie.
Proteine als künftiges Heilmittel
Bei den von den Stammzellen abgegebenen Substanzen handelt es sich wahrscheinlich um Proteine, die die angegriffenen Nervenzellen dazu bringen, ihre Myelinhüllen wieder zu regenerieren. Die Forscher sind noch dabei diese Proteine zu identifizieren. Als ein Kandidat gilt bereits der sogenannte transformierende Wachstumsfaktor Beta (TGF-B), andere Mitspieler schließen die Forscher aber nicht aus.
Für Patienten mit Multipler Sklerose könnte sich diese Entdeckung als großer Schritt hin zu einem Heilmittel erweisen, sagen die Wissenschaftler. Denn da offenbar nicht die Stammzellen selbst, sondern die von ihnen abgegebenen Substanzen die Symptome der Mäuse wieder rückgängig machten, vereinfacht dies die Entwicklung einer Therapie erheblich. „Wenn wir die Faktoren identifizieren, die für diese Heilung verantwortlich sind, dann können wir daraus ein Medikament machen“, sagt Lane.
Statt einer aufwändigen Stammzell-Therapie könnte es dann reichen, eine Pille zu schlucken. Bis es aber so weit ist, müssen die Forscher nun erst einmal die entsprechenden Proteine identifizieren und diese dann ihrerseits in Tierversuchen und klinischen Tests prüfen. Dennoch, ein Anfang ist gemacht. (Stem Cell Reports, 2014; doi: 10.1016/j.stemcr.2014.04.005)
(Scripps Research Institute/ University of Utah, 16.05.2014 – NPO)
16. Mai 2014