Was vor einigen Jahren noch pure Fantasie – und Horrorvorstellung – war, ist jetzt Realität: US-Forscher haben Mäuse gezüchtet, die menschliche Zellen im Gehirn tragen und die deshalb tatsächlich schlauer sind als ihre normalen Artgenossen. Sie lernen schneller und finden problemlos den Weg durch Labyrinthe. Die humanen Zellen hätten die Hirnfunktionen der chimären Mäuse erweitert und die Tiere lernfähiger gemacht, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „Cell Stem Cell“. In ethischer Hinsicht allerdings ist dieses Experiment ein sehr zweifelhafter Erfolg.
Mäuse, Schafe oder Ratten mit menschlichen Zellen, Geweben und sogar ganzen Organen gibt es in den Labors der Forscher schon längst. Auch geringe Mengen von Gehirnzellen wurden Mäusen schon implantiert, beispielsweise im Rahmen der Parkinson- und Alzheimerforschung. Was aber die Forscher der Universitäten von Rochester und Kalifornien nun gemacht haben, ist Neuland – in neurobiologischer und auch in ethischer Hinsicht. Denn erstmals haben sie gezielt Chimären erzeugt, nicht um eine menschliche Krankheit zu erforschen, sondern um zu testen, ob die Zugabe menschlicher Zellen die Hirnfunktion und geistige Leistungsfähigkeit der Tiere verändert.
Menschliche Astrozyten im Mäusegehirn
In ihrer Studie ging es Xiaoning Han von der University von Rochester und seinen Kollegen primär darum herauszufinden, welche Rolle die sogenannten Astrozyten, sternförmige Stütz- und Hüllzellen unserer Nervenzellen für die Hirnfunktion spielen. „Menschliche Astrozyten sind größer und komplexer als die anderer Säugetiere“, erklären die Forscher. Deshalb liege es nahe, dass auch sie am gewaltigen Evolutionssprung zur menschlichen Intelligenz beteiligt sind. Tatsächlich hatten frühere Studien schon darauf hingedeutet, dass die Astrozyten die Signalübertragung der Neuronen beeinflussen und koordinieren – und damit entscheidend zur geistigen Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns beitragen.
Für ihre Studie nutzten die Forscher einen Mäusestamm, dessen Immunsystem keine Abstoßungsreaktion gegen menschliche – und damit körperfremde – Zellen auslöst. Neugeborenen Mäusen dieses Stammes spritzten sie eine Lösung mit Vorläuferzellen menschlicher Astrozyten ins Gehirn und ließen sie ganz normal weiter aufwachsen. In dieser Zeit entwickelten sich die Zellen im Gehirn der Tiere weiter und bildeten menschliche Astrozyten aus, die sich – wie im menschlichen Gehirn – um die Nervenzellen der Mäuse legten. Tests an entnommenem Gewebe zeigten, dass fremde Astrozyten und Mäuseneuronen genauso miteinander kommunizierten, wie es Zellen der gleichen Art tun würden. Die Signale der Neuronen wurden aber durch die menschlichen Hüllzellen deutlich verstärkt, wie die Forscher berichten.