„Was geht mich fremdes Elend an?“ Diese Haltung gegenüber Menschen fremder Kulturen und Flüchtlingen lässt sich überwinden: Behandelt uns ein Fremder überraschend hilfsbereit, steigert das unser Mitgefühl. Neurowissenschaftler haben mit Gehirnscans herausgefunden, dass sich diese hinzugelernte Empathie auf die ganze Gruppe ausdehnt, der wir den fremden Wohltäter zuordnen. Schon wenige positive Lernerfahrungen reichen aus, um empathischer zu werden, schreiben die Forscher im Journal „Proceedings of the National Academy of Sciences“.
Ein Unfall vor der eigenen Haustür oder eine Flutkatastrophe am anderen Ende der Welt – das Unglück anderer Menschen betrifft uns umso stärker, je näher uns diese Menschen stehen. Dieses unterschiedlich ausgeprägte Mitgefühl kann sogar so weit gehen, dass wir mehr Mitleid mit Haustieren als mit fremden Menschen haben. Die fehlende Empathie für „den Fremden“ steht auch hinter vielen Konflikten zwischen Menschen verschiedener Nationalitäten und Kulturen – und nicht zuletzt mit den zu uns kommenden Flüchtlingen.
Stereotypen bestimmen eigene und fremde Gruppe
Mehr Mitgefühl für Mitglieder anderer Gruppen könnte daher ein friedliches Miteinander fördern. Psychologen und Neurowissenschaftler um Grit Hein von der Universität Zürich haben darum untersucht, ob man Mitgefühl für Fremde erlernen kann, und wie positive Erfahrungen mit Anderen die empathischen Reaktionen unseres Gehirns beeinflussen. Die Forscher gaben zunächst vor, Stereotypen über Menschen aus der Schweiz und aus den Balkanstaaten zu untersuchen: Sie befragten 40 junge Männer aus der Schweiz, welche Eigenschaften sie für „typisch Schweiz“ oder „typisch Balkan“ hielten.
Den so auf diese Stereotypen gepolten Probanden verabreichten die Wissenschaftler anschließend schmerzhafte Schocks am Handrücken. Die Studienteilnehmer machten dann aber die Erfahrung, dass ein anderer Teilnehmer Geld bezahlte, um ihnen weiteren Schmerz zu ersparen. Dieser Wohltäter war jedoch in Wahrheit ein Wissenschaftler, der je nach Experiment ein Namensschild mit einem stereotypischen Namen trug – entweder aus der Schweiz oder vom Balkan. Er stammte also aus Sicht der Probanden entweder aus der „eigenen“ oder der „fremden“ Gruppe.