Menschen, die bis zum Hals gelähmt sind, könnten zukünftig ihre Rollstühle und Hilfsmittel mit einem bisher kaum beachteten Muskel steuern: dem Ohrmuskel. Forscher arbeiten an einer Schnittstelle, die die Signale der Ohrmuskelaktivität in Maschinenkommandos umsetzt und so die Steuerung von Computer und Geräten ermöglicht. Ein Laborprototyp ist bereits in Arbeit.
Die Muskulatur der Ohrmuschel aktivieren – das schaffen nicht nur Menschen, die von Natur aus mit den Ohren wackeln können. Fast jeder Mensch kann die Ohrmuskulatur willentlich aktivieren, wenn er diese Fähigkeit gezielt trainiert. Das haben Neurologen der Universitätsmedizin Göttingen herausgefunden. Nun wollen sie die Muskeln rund um die Ohren für ganz andere Aufgaben nutzbar machen. Die Idee der Forscher: Die Ohrmuskeln könnten die nötige Energie liefern, um technische Hilfsmittel wie Rollstühle oder Prothesen zu steuern. Denn bei jeder Muskelaktivierung entstehen auf natürliche Weise elektrische Signale. Ihr konkreter Plan ist der Bau einer Apparatur, mit der sich diese elektrischen Signale ableiten und weiterverarbeiten lassen.
Muskelsignale vom Ohr als Steuersignal
Einen Prototypen dieser innovativen Mensch-Maschine-Schnittstelle wollen Wissenschaftler aus Göttingen, Heidelberg und Karlsruhe jetzt gemeinsam entwickeln. „TELMYOS“ – so lautet die Abkürzung für die neue Technologie, die die Forscher im Verbund untersuchen wollen. „TELMYOS“ steht für ein „telemetrisches myoelektrisches Ohrmuskelableitsystem“. Ein kleiner Chip hinter dem Ohr soll Muskelsignale aufzeichnen und per Funk an einen Empfänger übertragen, der dann die Geräte steuert. Diese Technologie könnte – wegen des neuartigen Funktionsprinzips – eine Alternative zu bisherigen Strategien sein.
„Wir wollen in den nächsten drei Jahren ein neues System entwickeln, mit dem Patienten mit einer hohen Querschnittlähmung, die weder Arme noch Beine bewegen können, erstmalig ihre technischen Rehabilitationsmittel mit Hilfe der Ohrmuskeln selbst steuern können“, erklärt Professor David Liebetanz von der Universitätsmedizin Göttingen. „Jeder auch noch so kleine Zugewinn an Autonomie ist für diese Patienten, die bisher bei jeglicher Tätigkeit die Hilfe von anderen benötigen, von großer Bedeutung.“