Gourmets mit braunem Fell
Irgendwann in der Dämmerung schlägt er zu: Fischreste zeugen am nächsten Morgen von der Mahlzeit des Fischotters. Da die nacht- und dämmerungsaktiven Tiere besonders anspruchsvoll an ihre Umgebung sind, gehört Lutra lutra zu den stark bedrohten Säugetierarten Mitteleuropas. Die Gourmets mit dem braunen Fell und den vielen langen Tasthaaren am Maul sind extrem scheu. Sie zu beobachten ist schwer, sie zu fangen fast unmöglich.

Genaue Informationen über die Bestandsgröße des Fischotters ermöglichen es, die Menge des gefressenen Fischs pro Teich und somit den für die Teichwirtschaft entstandenen Schaden in einem Gebiet zu berechnen. Das ist wichtig für die eine angemessene Schadenskompensation und somit für die Akzeptanz dieser bedrohten Art. © André Künzelmann/UFZ
Nur wie soll der Fischotter effektiv geschützt werden, wenn es über seinen Bestand nur sehr vage Vermutungen gibt? Experten schätzen den Bestand an Fischottern im Biosphärenreservat Oberlausitzer Teichlandschaft auf etwa 200 bis 600 Exemplare. „Für Schäden, die Otter bei Fischereibetrieben anrichten, zahlt der Freistaat Sachsen Ausgleichszahlungen. Deshalb wird eine günstige und einfache Methode gebraucht, mit der man das Vorkommen von Ottern einschätzen kann, damit man weiß, wie viel Geld man als Kompensation zahlen sollte“, beschreibt Bernd Gruber vom UFZ eines der Probleme.
„In der Praxis ist es aber schwierig, den tatsächlichen Schaden zu überprüfen. Sonst müsste jedes Mal jemand hinfahren, sich den Fisch anschauen und auf Otterspuren überprüfen – das ist schwer zu machen.“
Dem Täter auf der Spur
Wie jeder Täter hinterlässt auch der Fischotter Spuren. Diese nutzen die Forscher jetzt, um die Anzahl der Tiere in einem Gebiet besser schätzen zu können, als das bisher möglich war. Bis zu dreißig Mal am Tag setzt ein Otter ein Zeichen, um potenziellen Partnern oder Konkurrenten zu zeigen, wer im Revier unterwegs ist.
„Das Praktische beim Otter ist, dass er seine Losung – also den Kot – als soziales Kommunikationsmittel benutzt und deswegen exponiert ablegt, was uns das Auffinden extrem erleichtert“, erzählt Simone Lampa, die zusammen mit ihren UFZ-Kollegen in den letzten zwei Jahren über 400 Kotproben in der Oberlausitz gesammelt hat. Da sich die Zellen an der Oberfläche des Darms bei Wirbeltieren erneuern und alte abgestoßen werden, finden sich winzige DNA-Spuren auf jedem Stück Kot und verraten so den Absender.
„Vaterschaftstest“ für Fischotter
Wie bei einem Vaterschaftstest wird per Wattestäbchen ein Abstrich gemacht, der in einem Plasteröhrchen landet, das ins Labor geht. Im Vergleich zu Blut oder Gewebe ist die DNA hier aber nur durch sehr wenige Zellen vertreten. Das macht das Verfahren schwierig. „Dazu kommt dann auch noch das Problem, dass eine hohe Anzahl von Proteinen, Bakterien und Enzymen im Kot den Erkennungsprozess stören“, berichtet Marion Höhn, die auch schon die Populationen australischer Eidechsen per Gentest untersucht hat. „Man muss die DNA herausholen und mehrmals kopieren, um sie überhaupt sichtbar zu machen. Das ist mit großen Fehlern behaftet. Der Prozess muss dann mehrmals wiederholt werden, um den tatsächlichen Genotyp zu erhalten.“
Entsprechend froh sind Forscher, dass sie die Erfolgsrate gegenüber früheren Verfahren mehr als verdoppeln konnten. Doch ihre neue Methode bringt noch einen anderen entscheidenden Fortschritt: Sie kombiniert die moderne Genetik mit dem klassischen Verfahren der Tierzählung per Fang und Wiederfang. Dazu wurden die Tiere bisher gefangen, markiert, wieder frei gelassen, wieder gefangen und schließlich notiert, ob das Tier bereits markiert war oder nicht.
„Genetischer Fingerabdruck“ wird gefangen
Nach mehreren Fangperioden kann so per mathematischer Verfahren berechnet werden, wie viele Tiere etwa da sind. Vorausgesetzt, es gehen ausreichend Exemplare ins Netz. Für die scheuen Fischotter kommt diese Methode nicht in Frage. Deshalb wird nun nicht das Tier selbst, sondern sozusagen sein „genetischer Fingerabdruck gefangen“, indem die Kotspuren ausgewertet werden.
Für die Genauigkeit der Populationsschätzung ist es wichtig, dass jeden Tag in gleichen Abständen an den gleichen Punkten gesammelt wird. Die Wiederauffindraten sollen möglichst gleich sein, um das Ergebnis nicht durch Zufallsfunde zu verfälschen. Die Kosten lagen bei etwa 30 Euro pro Kotprobe.
„Das ist trotzdem noch günstiger als wenn man zig Leute anheuern müsste, die das Gebiet rund um die Uhr beobachten. Es muss nicht unbedingt Kot sein, sondern es geht auch mit Haaren. Man muss nur an die DNA herankommen. Dass man dann daraus die Populationsgröße schätzt, ist in ein paar Jahren sicher gang und gäbe“, vermutet Gruber. Doch wie überall steckt auch hier der Teufel im Detail: Versuche, auf diese Weise die Größe von Wildkatzenpopulationen zu bestimmen, scheiterten vor ein paar Jahren, weil nicht genug Katzenhaare an den ausgelegten Klebestreifen hängen blieben.
Verfahren für jede Wirbeltierart geeignet
Trotz solcher Rückschläge ist auch Lampa optimistisch, dass die genetischen Methoden künftig noch viel mehr über Tierpopulationen verraten werden: „Im Prinzip ist unser Verfahren für jede Wirbeltierart anwendbar. Man muss nur die genetischen Marker, die die entscheidenden DNA-Abschnitte im Genom markieren, für jede Tierart designen. Für viele Säugetiere gibt es die aber schon.“
Wie viele Fischotter nun genau in der Oberlausitz leben, können die Forscher noch nicht sagen. Dazu müssen sie noch an vielen Orten Kot einsammeln. Doch zumindest für einen kleinen Bereich gibt es jetzt erste sichere Daten: Auf dem 305 Hektar großen Untersuchungsgebiet zwischen Hoyerswerda und Bautzen leben 32 bis 40 Fischotter. Ein Rest an Unsicherheit wird auch in Zukunft bleiben. Trotzdem hat die neue Methode deutlich geholfen, mehr über den eleganten nächtlichen Schwimmer in den Fischteichen der Lausitz herauszubekommen.
(idw – Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, 06.06.2008 – DLO)
6. Juni 2008