„Falsche“ Richtung
Doch zur Überraschung der Forscher geschah genau das: Trafen die polarisierten Protonen auf einen Goldkern, flogen die Neutronen nicht wie erwartet in die Richtung des Protonenspins, sondern genau in die entgegengesetzte Richtung. „Was wir beobachteten, war total erstaunlich“, berichtet Alexander Bazilevsky vom Brookhaven Laboratory. Er vergleicht den Effekt mit einer Billardkugel mit Rechtsspin, die bei Zusammenstoß mit einer Bowlingkugel plötzlich nach links davonrast.

Wenn ein poarsiertes Proton mit einem anderen kollidiert, haben die fregesetzten Neutronen eine leichte Präferenz für den Flug nach rechts. Bei der Kollision mit einem Goldkern kehrt sich diese Asymmetrie jedoch um und ist fast dreimal größer. © Brookhaven National Laboratory
„Offenbar wirken bei der Kollision von Protonen untereinander andere Mechanismen als bei der Kollision von Protonen mit größeren Atomkernen“, so Bazilevsky. Das widerspricht völlig der bisher gängigen Theorie. Um ganz sicher zu gehen, dass dieser verblüffende Effekt real ist, überprüften die Physiker ihre Detektordaten mehrfach und wiederholten die Kollisionen sowohl mit Goldkernen als auch mit etwas leichteren Aluminiumkernen.
Größe des Atomkerns entscheidend
„Dadurch hatten wir nun drei Sätze von Daten: für Kollisionen polarisierter Protonen mit Protonen, mit den mittelschweren Aluminiumkernen und mit den schweren Goldkernen“, sagt der Physiker. Es zeigte sich: Die Richtung der freigesetzten Neutronen verändert sich offenbar mit der Größe des Atomkerns, den die Protonen treffen.
„Die Asymmetrie nimmt graduell zu: Von negativ bei Proton-Proton-Kollisionen, hier fliegen mehr Neutronen nach rechts, zu fast keiner Asymmetrie bei Proton-Aluminium-Kollisionen bis hin zu einer großen positiven Asymmetrie bei Kollisionen von Protonen mit Goldkernen – hier fliegen überraschend viele Neutronen nach links“, erklärt Bazilevsky.
Ladung vor Kernkraft?
Doch was ist die Ursache für dieses ungewöhnliche Verhalten? Die Physiker vermuten, dass die elektrische Ladung der Atomkerne dafür eine Rolle spielt. „Bei Kollisionen von Protonen mit Protonen ist der Effekt der elektrischen Ladung vernachlässigbar gering“, erklärt Nakagawa. Das Verhalten der Kollisionspartner wird daher fast nur von der starken Kernkraft bestimmt.
Anders dagegen bei Kollisionen mit größeren Atomkernen: Weil mit zunehmender Größe auch die Protonenzahl im Atomkern zunimmt, steigt die positive Ladung. Dadurch – so spekulieren die Forscher – nimmt offenbar der Einfluss der elektromagnetischen Kraft auf die Kollisionspartner zu. Ab einer bestimmten Kerngröße und damit Ladung kann sie sogar die Flugrichtung der freigesetzten Neutronen umkehren.
RHIC-Physiker Alexander Bazilevsky erklärt die verblüffenden Ergebnisse der Protonen-Kollisionen© Brookhaven Lab
Wirksam auch bei Teilchenkollisionen in der Atmosphäre
Die Physiker wollen nun Kollisionen mit noch anderen Atomkernen durchführen, um diesen Effekt und seine Gesetzmäßigkeiten zu überprüfen. Auch die Flugrichtung weiterer Teilchen außer Neutronen soll dabei genauer untersucht werden. „Wenn wir dabei die Asymmetrie beobachten, die wir auf Basis der elektromagnetischen Wechselwirkung vorhersagen, wäre dies ein starkes Argument für unsere Hypothese“, sagt Nakagawa.
Spannend ist der neuentdeckte Effekt nicht nur für die Teilchenphysik, er hat auch ganz praktische Bedeutung. Denn Kollisionen wie die im RHIC beobachteten finden ständig auch in unserer Atmosphäre statt. Sie ereignen sich beispielsweise, wenn die Teilchen kosmischer Strahlung auf Gasatome und Ionen der Atmosphäre treffen. (Physical Review Letters, 2018; doi: 10.1103/PhysRevLett.120.022001)
(DOE/ Brookhaven National Laboratory, 09.01.2018 – NPO)
9. Januar 2018