
Der Krebspulsar in einer Aufnahme des Röntgenteleskops Chandra. Der Neutronenstern ist als weißer Punkt unten rechts im Nebel zu erkennen. © NASA/CXC/SAO/F.Seward et al.
Wie diese extrem hohe Energie zustande kommen, ist bisher unklar. Denn die Strahlung der Pulsare entsteht nach gängiger Theorie, durch die Wechselwirkung von Elektronen mit dem starken Magnetfeld des rotierenden Neutronensterns. „In der magnetisch geladenen, komplexen Atmosphäre des Neutronensterns werden Elektronen und ihre Antiteilchen, die Positronen, auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, bevor sie zerstrahlen“, erklärt Razmik Mirzoyan vom Max-Planck-Institut für Physik.
Zu stark für gängige Modelle
Doch mit diesem Modell lassen sich Gammastrahlen nur bis einigen Gigaelektronenvolt Energie erklären – für die jetzt beobachteten Gammastrahlenpulse ist das viel zu wenig. Theoretisch gäbe es aber noch einen Mechanismus, der der Strahlung sozusagen nachträglich einen Energieschub verleiht. Dabei werden nicht die direkt vom Pulsar ausgehenden Elektronen und Positronen gestreut, sondern ihre beschleunigten Abkömmlinge der zweiten oder dritten Generation.
Diese Teilchen entstehen am äußersten Rand des Magnetfeldes in etwa 1.500 Kilometern Höhe. Dort wechselwirken sie mit UV- und Röntgenstrahlen sowie dem Magnetfeld. Anschließend übertragen die sekundären Teilchen ihre Energie auf niedrigenergetische Photonen und machen sie damit zu energiereichen Gammaquanten – die das Magnetfeld verlassen.

Grün und blau unterlegt sind die Regionen, die für die Beschleunigung der Elektronen auf extrem hohe Energien in Frage kommen. Der grün markierte Bereich liegt in der Nähe des Magnetfelds, der blaue könnte bis zu 100.000 km vom Pulsar entfernt sein. © Patricia Carcelén Marco
Nachträglicher Energie-Schub?
Diese Energieübertragung bezeichnet man als inversen Compton- Mechanismus. Durch diesen Effekt könnten sich theoretisch auch extrem energiereiche Gammastrahlen-Photonen bilden. Allerdings müsste diese nachträglich und weit vom Pulsar entfernt entstandene Strahlung eigentlich mit Verzögerung an den irdischen Teleskopen ankommen – doch das ist nicht der Fall, wie die Astronomen feststellten.
Die extremen Gammastrahlenpulse trafen stattdessen exakt zur gleichen Zeit am MAGIC-Teleskop ein wie energieärmere Radiowellen oder Röntgenstrahlen aus dem Inneren des Pulsar-Magnetfelds. „Das würde bedeuten, dass die gesamte Strahlung in einer relativ kleinen Region am Rand des Magnetfeldes produziert wird oder die energiereiche Gammastrahlung eine Art ‚Erinnerung‘ an Strahlung niedrigerer Energie behält“, sagt Mirzoyan.
Das wäre zwar nicht ausgeschlossen, wie der Forscher erklärt. Aber was bei diesem Mechanismus wirklich geschieht, ist bisher kaum erforscht. „Langfristig brauchen wir daher neue, detaillierte theoretische Modelle, die dieses Phänomen beschreiben“, so Mirzoyan abschließend. (Astronomy and Astrophysics, 2016; doi: 10.1051/0004-6361/201526853)
(Max-Planck-Institut für Physik, 14.01.2016 – NPO)
14. Januar 2016